Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie eben mit Mlle. Boncourt ins Zimmer, um ihren Hut aufzusetzen und in den Garten zu gehen. Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt. Man hatte aufgehört, Natalia als Kind zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr schon lange keinen Unterricht mehr in der Mythologie und Geographie; doch mußte Natalia jeden Morgen – in ihrer Gegenwart – historische Bücher, Reisebeschreibungen und andere erbauliche Schriften lesen. Darja Michailowna traf die Auswahl, scheinbar einem ihr eigenen System folgend, in der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte, ausgenommen natürlich Romane von Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt pflegte ganz besonders streng und sauer Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere historische Bücher las: nach den Begriffen der alten Französin war die ganze Geschichte voll unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten Männern des Altertums, Gott weiß warum, nur einzig und allein den Kambyses kannte, und aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon, den sie nicht leiden konnte. Natalia las aber auch solche Bücher, deren Dasein Mlle. Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen Puschkin auswendig.

Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf.

»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie.

»Ja. Wir gehen in den Garten.«

»Darf ich mich Ihnen anschließen?«

Natalia sah Mlle. Boncourt an.

»Mais certainement, monsieur, avec plaisir,« rief eilig die alte Jungfer.

Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen.

Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an Rudins Seite auf demselben Gartenwege zu wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er richtete an sie Fragen über ihre Beschäftigungen, und auch darüber, wie ihr das Leben auf dem Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende Befangenheit, die so oft für Schamhaftigkeit gehalten wird. Es klopfte ihr das Herz.

»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?« fragte Rudin, sie mit einem Seitenblick streifend.