»Wie kann man auf dem Lande Langeweile empfinden? Ich bin sehr froh, daß wir hier sind. Ich bin hier sehr glücklich.«

»Sie sind glücklich … Das ist ein großes Wort. Übrigens ist es begreiflich: Sie sind jung.«

Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher Weise: es war wie eine Anwandlung von Neid und Beileid, die ihn überkam.

»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben der Wissenschaft ist – mit Bewußtsein das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.«

Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte ihn nicht verstanden.

»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit Ihrer Mama unterhalten,« fuhr er fort, »eine außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb alle unsere Poeten so großen Wert auf ihre Freundschaft legten. Lieben Sie auch Gedichte?« setzte er nach einigem Schweigen hinzu.

Er examiniert mich, dachte Natalia und sagte: »Ja, ich liebe sie sehr.«

»Die Poesie ist die Sprache der Götter. Ich selbst liebe Gedichte. Doch nicht in Gedichten allein liegt Poesie: sie ist überall, sie umfängt uns … Sehen Sie diese Bäume, diesen Himmel an – von allen Seiten strömt Schönheit und Leben hervor; wo aber Schönheit und Leben, da ist auch Poesie.«

»Wollen wir nicht auf der Bank hier Platz nehmen,« fuhr er fort. »So. Mir scheint, ich kann mir nicht erklären warum, daß, sobald Sie sich ein wenig an mich werden gewöhnt haben (er blickte ihr hierbei lächelnd in die Augen), wir gute Freunde sein werden. Was meinen Sie?«

Er behandelt mich wie ein kleines Mädchen, dachte Natalia wieder, und ungewiß, was sie dazu sagen sollte, fragte sie ihn, ob er noch lange auf dem Lande zu bleiben beabsichtige.