»Den ganzen Sommer, den Herbst und vielleicht auch den Winter. Ich bin, wie Sie wohl wissen, wenig begütert; meine Verhältnisse sind zerrüttet, und dann habe ich es auch schon satt, von einem Ort zum andern zu ziehen. Es ist Zeit, daß ich mir Ruhe gönne.«
Natalia sah ihn erstaunt an.
»Sie finden wirklich, daß es für Sie Zeit sei auszuruhen?« fragte sie schüchtern.
Rudin wandte sein Gesicht ihr zu.
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Ich will sagen,« erwiderte sie mit einiger Verwirrung, »daß andere sich wohl Ruhe gönnen dürfen; Sie aber … Sie müssen arbeiten, müssen sich bestreben, Nutzen zu schaffen. Wer denn wohl, wenn nicht Sie …«
»Ich danke für die schmeichelhafte Meinung,« unterbrach sie Rudin. »Nutzen schaffen … das ist leicht gesagt! (Er fuhr mit der Hand über sein Gesicht.) Nutzen schaffen!« wiederholte er. »Wenn ich auch die feste Überzeugung hätte: auf welche Art ich Nutzen bringen könnte – ja, wenn ich sogar Vertrauen in meine eigene Kraft hätte – wo fände ich wohl lautere, mitfühlende Seelen? …«
Und Rudin ließ mit so hoffnungsloser Miene die Hand fallen und senkte so betrübt den Kopf, daß Natalia unwillkürlich die Frage an sich stellte: ob sie denn wohl aus seinem Munde tags zuvor so begeisterte, Hoffnung sprühende Reden gehört habe?
»Doch nein,« setzte er hinzu, und schüttelte ungestüm seine Löwenmähne, »Unsinn das, Sie haben recht. Ich danke Ihnen, Natalia Alexejewna, danke Ihnen von Herzen. (Natalia wußte entschieden nicht, wofür er ihr dankte.) Ein Wort von Ihnen hat mich an meine Pflicht erinnert, hat mir meine Bahn vorgezeichnet … Ja, ich muß handeln. Ich darf mein Talent, wenn ich es wirklich besitze, nicht verbergen; ich darf meine Kräfte nicht in Geschwätz, in leerem, nichtsnutzigem Geschwätz und eitlem Gerede vergeuden …«