»Wie ist das Befinden Ihrer Schwester?« fragte Rudin mit besonders teilnehmender Stimme Wolinzow. Auch am Abend vorher war er sehr freundlich gegen ihn gewesen.

»Ich danke recht sehr. Sie befindet sich wohl. Sie wird vielleicht heute kommen … Sie unterhielten sich vorhin, wie mir schien, als ich herkam?«

»Ja, wir unterhielten uns. Natalia Alexejewna hat ein Wort fallen lassen, das eine gewaltige Wirkung auf mich hervorgebracht hat …«

Wolinzow fragte nicht, was für ein Wort das gewesen sei, und in tiefem Schweigen erreichten alle das Haus der Darja Michailowna.


Vor dem Essen fand sich die Gesellschaft wieder im Salon ein. Pigassow jedoch erschien nicht. Rudin war nicht aufgelegt; er bat fortwährend Pandalewski, aus Beethoven vorzuspielen. Wolinzow schwieg und schaute vor sich hin. Natalia blieb der Mutter immer zur Seite und war bald in Gedanken versunken, bald mit ihrer Arbeit beschäftigt. Bassistow verwandte die Augen nicht von Rudin, immer in der Erwartung, er werde etwas Kluges vorbringen. So vergingen ziemlich einförmig drei Stunden. Alexandra Pawlowna kam nicht zu Mittag – und Wolinzow ließ gleich nach beendigter Tafel seine Kalesche anspannen und fuhr davon, ohne von jemand Abschied genommen zu haben.

Er fühlte sich beklommen. Schon lange liebte er Natalia, hatte es aber noch nicht gewagt, ihr seine Neigung zu gestehen, und unter diesem ängstlichen Zustande litt er aufs grausamste … Sie sah ihn gerne – doch blieb ihr Herz ruhig: darüber täuschte er sich nicht. Er hatte auch nicht gehofft, ihr zärtliche Gefühle einzuflößen und erwartete nur, sie werde mit der Zeit, wenn sie sich vollkommen an ihn gewöhnt haben würde, ihm näherstehen. Was konnte ihn denn beunruhigen? Was für eine Veränderung hatte er in diesen paar Tagen wahrgenommen? Natalias Benehmen gegen ihn war ganz so wie vorher …

War es die Befürchtung: er kenne Natalias Charakter nicht, sie sei ihm fremder, als er geglaubt habe – war’s Eifersucht, die in ihm erwacht war, oder hatte er eine dunkle Ahnung von etwas Schlimmem … genug, er litt, so sehr er sich auch zu beherrschen suchte.

Als er bei seiner Schwester eintrat, saß Leschnew bei ihr.

»Warum so früh zurückgekehrt?« fragte Alexandra Pawlowna.