»Warum warst du denn aber bei ihr?«
»Wegen einer Vermessung; aber das ist nur ein Vorwand: sie wollte sich ganz einfach meine Physiognomie besehen. Eine große Dame – wir kennen das!«
»Seine Überlegenheit ist Ihnen störend – das ist es!« sagte mit Feuer Alexandra Pawlowna, »das ist es, was Sie ihm nicht vergeben können. Ich aber bin überzeugt, daß er nicht nur Verstand, sondern auch ein vortreffliches Herz hat. Betrachten Sie nur seine Augen, wenn er …«
»Von hoher Tugend spricht …«[3], setzte Leschnew hinzu.
»Sie werden mich böse machen und zum Weinen bringen. Es tut mir in der Seele leid, daß ich bei Ihnen geblieben und nicht zu Darja Michailowna gefahren bin. Sie waren es nicht wert. Hören Sie auf, mich zu reizen,« setzte sie mit weinerlicher Stimme hinzu. »Es wird besser sein, Sie erzählen mir etwas aus seinen Jugendjahren.«
»Aus Rudins Jugendjahren?«
»Ja doch. Sie sagten mir ja, Sie kennten ihn gut und seien schon lange mit ihm bekannt.«
Leschnew erhob sich und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Ja,« begann er, »ich kenne ihn gut. Sie wollen, daß ich Ihnen seine Jugend erzähle? Wohlan! Er ist in T. geboren, eines armen Gutsbesitzers Kind. Sein Vater starb früh und er blieb mit der Mutter allein. Sie war eine herzensgute Frau und liebte ihn über alles; sie lebte sehr sparsam, und das wenige Geld, was sie hatte, gab sie für ihn aus. Seine Erziehung hat er in Moskau erhalten, anfänglich auf Kosten eines Oheims, dann aber, als er aufgewachsen und flügge geworden war, auf Rechnung eines reichen Fürstensöhnchens, den er ausgewittert hatte … schon gut, verzeihen Sie, ich werde nicht mehr … mit welchem er sich befreundet hatte. Dann bezog er die Universität. Dort wurde ich mit ihm bekannt und sehr intim. Von unserem damaligen Leben erzähle ich Ihnen ein anderes Mal. Jetzt geht es nicht. Dann reiste er ins Ausland …«
Leschnew ging noch immer im Zimmer auf und ab; Alexandra Pawlowna folgte ihm mit den Blicken.