»Aus dem Auslande«, fuhr er fort, »schrieb Rudin seiner Mutter äußerst selten und hat sie nur einmal besucht, auf zehn Tage … Die Alte starb auch in seiner Abwesenheit in fremden Armen, hat aber bis zu ihrem Todesstündchen nicht das Auge von seinem Bildnisse verwandt. Als ich in T. lebte, besuchte ich sie. Sie war eine gute, überaus gastfreie Frau und pflegte mir immer eingemachte Kirschen vorzusetzen. Ihren Mitja liebte sie unsäglich. Die Herren aus der Petschorinschen Schule[4] werden Ihnen sagen, daß wir immer diejenigen lieben, die selbst wenig fähig sind, Liebe zu fühlen; mir aber scheint es, daß alle Mütter ihre Kinder lieben, besonders die fern von ihnen Weilenden. Später traf ich mit Rudin im Auslande zusammen. Dort hatte ihn eine Dame, eine unserer russischen Damen, an sich gezogen, ein Blaustrumpf, weder jung noch hübsch, wie sich’s auch für einen Blaustrumpf schickt. Ziemlich lange schleppte er sich mit ihr umher und ließ sie dann im Stich … doch nein, entschuldigen Sie: sie ließ ihn im Stiche. Und auch ich verließ ihn zu jener Zeit. Das ist alles.«
Leschnew schwieg, strich mit der Hand über die Stirn und ließ sich wie erschöpft auf einen Lehnstuhl nieder.
»Wissen Sie aber wohl, Michael Michailitsch,« begann Alexandra Pawlowna, »Sie sind, wie ich sehe, ein boshafter Mensch; wahrhaftig, Sie sind nicht besser als Pigassow. Ich bin überzeugt, daß alles, was Sie gesagt haben, wahr ist, daß Sie nichts hinzugedichtet haben, und dennoch, in welch mißgünstigem Lichte haben Sie das alles dargestellt! Die alte Frau, ihre Mutterliebe, ihr einsamer Tod, jene Dame … Wozu alles das? … Wissen Sie wohl, man kann das Leben des allerbesten Menschen mit solchen Farben schildern – ohne etwas hinzuzufügen, wohl verstanden –, daß sich jeder davor entsetzen wird! Das ist auch Verleumdung in ihrer Art!«
Leschnew erhob sich und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen Entsetzen einzuflößen, Alexandra Pawlowna,« brachte er endlich heraus. »Ich bin kein Verleumder. Übrigens«, setzte er nach einigem Schweigen hinzu, »in dem, was Sie gesagt haben, ist ein Teil Wahrheit. Ich habe Rudin nicht verleumdet; doch – wer weiß! – vielleicht hat er sich seit jener Zeit verändert – vielleicht bin ich ungerecht gegen ihn.«
»Da haben Sie es! … Versprechen Sie mir also, daß Sie die Bekanntschaft mit ihm erneuern, ihn gehörig ergründen und mir dann erst Ihre schließliche Meinung über ihn sagen wollen.«
»Wenn Sie es wünschen … Warum schweigst du aber, Sergei Pawlitsch?«
Wolinzow fuhr zusammen und erhob den Kopf, als hätte man ihn aus dem Schlafe gerüttelt.
»Was sollte ich sagen? Ich kenne ihn nicht. Übrigens habe ich heute Kopfweh.«
»Du bist wirklich etwas bleich,« bemerkte Alexandra Pawlowna.