»Ich habe Kopfweh,« wiederholte Wolinzow und verließ das Zimmer.
Alexandra Pawlowna und Leschnew sahen ihm nach und tauschten einen Blick miteinander, doch ohne ein Wort zu sprechen. Weder ihm noch ihr war es ein Geheimnis, was im Herzen Wolinzows vorging.
VI
Über zwei Monate waren vergangen. Während dieser ganzen Zeit war Rudin fast nicht aus Darja Michailownas Hause gekommen. Sie konnte ihn nicht mehr entbehren. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, ihm von sich zu erzählen und sich von ihm erzählen zu lassen. Einmal hatte er abreisen wollen, unter dem Vorwande, seine Geldmittel seien erschöpft – sie gab ihm fünfhundert Rubel, was ihn nicht hinderte, weitere zweihundert von Wolinzow zu borgen. Pigassow besuchte Darja Michailowna bedeutend seltener als vorher: Rudin übte durch seine Gegenwart auf ihn einen Druck aus, den übrigens Pigassow nicht allein empfand.
»Ich mag ihn nicht, diesen eingebildeten Menschen,« pflegte er zu sagen, »seine Ausdrucksweise ist unnatürlich, ganz so wie bei den Helden in russischen Romanen. Mit einem: Ich! fängt er an, hält dann wie gerührt inne … Ich, also, ich … Und er zieht die Worte so lang. Habt ihr geniest, so wird er euch sogleich auseinandersetzen, warum Ihr geniest und nicht gehustet habt … lobt er euch, so klingt es, als befördere er euch zu einer höheren Rangstufe … fängt er aber an, sich selbst zu schelten, dann zieht er sich geradezu in den Schmutz herab – nun, denkt ihr, der darf sich jetzt nicht mehr bei Tageslicht zeigen! Nichts davon! Noch heiterer stimmt es ihn, so daß man glauben könnte, jene bitteren Worte hätten ihm nur zu Erfrischung und Kräftigung gedient, wie ein Schluck bitteren Schnapses!« Pandalewski empfand eine gewisse Scheu vor Rudin und machte ihm mit einiger Vorsicht den Hof. Wolinzows Stellung, Rudin gegenüber, war eigentümlicher Art. Dieser nannte ihn einen Ritter und rühmte ihn, er mochte zugegen sein oder nicht, über die Maßen; Wolinzow aber konnte ihn nicht liebgewinnen, und seine schmeichelhaftesten Komplimente erzeugten in ihm unwillkürlich Ungeduld und Ärger. ›Er macht sich wohl gar über mich lustig!‹ dachte er, und eine feindselige Stimmung überschlich ihn dann. Wolinzow versuchte Herr über sich zu werden; es ging nicht: die Eifersucht nagte heimlich an ihm. Aber auch Rudin, der Wolinzow stets geräuschvoll entgegenkam, ihn einen Ritter nannte und Geld bei ihm borgte, fühlte sich nichts weniger als zu ihm hingezogen. Es wäre nicht leicht zu bestimmen gewesen, was in beiden Männern vorging, wenn sie einander freundschaftlich die Hände drückten und ihre Blicke sich begegneten …
Bassistow fuhr fort, vor Rudin die äußerste Hochachtung zu empfinden und jedes seiner Worte im Fluge zu haschen. Dieser aber beachtete ihn wenig. Einmal brachte er mit ihm einen ganzen Morgen zu, unterhielt sich von den wichtigsten Weltfragen und Weltaufgaben und erregte in ihm das lebhafteste Entzücken, nachher beachtete er ihn nicht mehr … Es war demnach nur eitles Gerede gewesen, wenn er nach reinen und ergebenen Seelen Verlangen geäußert hatte. Mit Leschnew, der mit seinen Besuchen bei Darja Michailowna begonnen hatte, ließ Rudin sich niemals in einen Wortstreit ein, ja er schien ihm auszuweichen. Leschnew seinerseits behandelte ihn gleichfalls kalt, ließ aber immer noch nicht seine letzte Meinung über ihn laut werden, was Alexandra Pawlowna sehr unangenehm berührte. Sie beugte sich vor Rudin – zu Leschnew aber hatte sie Vertrauen. Alle im Hause Darja Michailownas unterwarfen sich den Launen Rudins: seinen geringsten Wünschen wurde nachgekommen. Die Verteilung der täglichen Beschäftigungen hing von ihm ab. Nicht eine einzige partie de plaisir konnte ohne ihn zustande kommen. Alle unerwarteten Ausflüge und Überraschungen waren übrigens nicht sehr nach seinem Geschmack, und er nahm teil daran wie Erwachsene am Spiel der Kinder, mit freundlicher und etwas gelangweilter Miene. Dagegen mischte er sich in alles: räsonierte mit Darja Michailowna über Gutsverwaltung, Kindererziehung, Wirtschafts- und Geschäftsangelegenheiten überhaupt; hörte ihre Pläne an, schätzte auch Unwichtiges nicht zu gering und schlug Verbesserungen und Neuerungen vor. Darja Michailowna war entzückt darüber – doch dabei blieb es. Bezüglich der Gutsverwaltung folgte sie den Ratschlägen ihres Verwalters, eines ältlichen, einäugigen Kleinrussen, eines gutmütigen, doch listigen Schelmes. – »Das Alte ist fett, das Neue ist hager,« pflegte er zu sagen und schmunzelte und blinzelte dabei wohlgefällig.
Außer mit Darja Michailowna hatte Rudin mit niemandem so häufige und lange Unterredungen wie mit Natalia. Er steckte ihr insgeheim Bücher zu, vertraute ihr seine Pläne und las ihr die ersten Seiten künftiger Aufsätze und Werke vor. Das Verständnis dafür fehlte ihr oft, doch daran lag Rudin anscheinend wenig, wenn sie ihn nur anhörte. Dieses nahe Verhältnis zu Natalia war Darja Michailowna nicht ganz unangenehm. Mag sie immerhin – dachte sie – mit ihm hier auf dem Lande schwatzen. Er findet Gefallen an ihr, wie an einem kleinen Mädchen. Gefahr ist nicht dabei, und jedenfalls lernt sie von ihm … In Petersburg will ich das alles anders einrichten.
Darja Michailowna täuschte sich. Nicht wie ein kleines Mädchen schwatzte Natalia mit Rudin: sie lauschte gierig seinen Worten, bemühte sich, in den Sinn derselben einzudringen und unterwarf seinem Urteile ihre Gedanken, ihre Zweifel; er war ihr Erzieher, ihr Führer. Fürs erste kochte es bei ihr nur im Kopfe … in einem jungen Kopfe kocht es aber nicht lange, ohne daß das Herz auch ein Wort mitredet. Was für wonnevolle Minuten verbrachte Natalia, wenn, wie es oft vorkam, Rudin im Garten auf einer Bank, im leichten und lichten Schatten einer Esche, anfing ihr Goethes Faust, Hoffmann, die Briefe Bettinas oder Novalis vorzulesen, und er sich dabei beständig unterbrach, um ihr zu erläutern, was ihr dunkel schien! Sie sprach das Deutsche nicht gut, wie fast alle unsere jungen Damen, verstand es aber vollkommen, und Rudin war ganz in deutscher Poesie, deutscher Romantik und deutscher Philosophie versunken und zog Natalia nach sich in jene höheren Regionen. Eine unbekannte, erhabene Welt enthüllte sich dem aufmerksamen Blicke des jungen Mädchens. Von den Seiten des Buches, das Rudin in der Hand hielt, strömten gleich einer Flut entzückender Musik wunderbare Bilder, neue, lichte Gedanken unaufhörlich in ihre Seele über, und in ihrem Herzen, das von edler Freude hoher Empfindungen erschüttert worden, erglimmte und entbrannte sanft der heilige Funken der Entzückung …
»Sagen Sie doch, Dmitri Nikolaitsch,« redete sie ihn einst an, als sie vor ihrem Stickrahmen am Fenster saß, »Sie werden für den Winter wohl nach Petersburg fahren?«