»Wovon handelt, wenn ich fragen darf, der Aufsatz?« fragte bescheiden Bassistow, der in einiger Entfernung saß.
»Vom Tragischen im Leben und in der Kunst,« wiederholte Rudin. »Hier, Herr Bassistow wird ihn auch lesen. Übrigens bin ich, was den Grundgedanken angeht, noch nicht mit mir im reinen. Ich habe mir bis jetzt noch nicht hinreichend die tragische Bedeutung der Liebe klargemacht.«
Rudin ließ sich gern und häufig über Liebe aus. Beim Worte Liebe war Mlle. Boncourt bisher immer zusammengefahren und hatte die Ohren gespitzt wie ein alter Schlachtgaul, der die Trompeten hört; nachher aber wurde sie es gewohnt und begnügte sich, die Lippen zusammenzuziehen und in Zwischenräumen Tabak zu schnupfen.
»Mich dünkt,« bemerkte Natalia schüchtern, »das Tragische in der Liebe – das ist die unglückliche Liebe.«
»Keineswegs!« erwiderte Rudin, »das ist eher die komische Seite in der Liebe … Man muß diese Frage ganz anders stellen … tiefer hineingreifen … Die Liebe!« fuhr er fort, »in ihr ist alles Geheimnis, wie sie kommt, wie sie sich entwickelt, wie sie verschwindet. Bald zeigt sie sich plötzlich, unzweideutig, freudig, wie der Tag; bald glimmt sie lange, wie die Glut unter der Asche, und bricht als Flamme in der Seele aus, wenn alles bereits zerstört ist; bald schleicht sie sich schlangenhaft ins Herz hinein und unerwartet wieder hinaus … Ja, ja; das ist eine bedeutsame Frage. Und wer liebt wohl zu jetziger Zeit? Wer erkühnt sich zu lieben?«
Rudin wurde nachdenkend.
»Weshalb zeigt sich aber Sergei Pawlitsch schon so lange nicht mehr?« fragte er plötzlich.
Natalia wurde über und über rot und senkte den Kopf auf ihren Stickrahmen.
»Ich weiß es nicht,« antwortete sie leise.
»Was für ein herrlicher, vortrefflicher Mensch,« sagte aufstehend Rudin. »Das ist einer der besten Vertreter des jetzigen russischen Adels …«