Mlle. Boncourt betrachtete ihn von der Seite mit ihren kleinen, französischen Augen.

Rudin ging einige Male durchs Zimmer.

»Haben Sie vielleicht die Bemerkung gemacht,« hub er an, sich rasch auf den Absätzen umdrehend, »daß die Eiche – und die Eiche ist ein starker Baum – ihr altes Laub erst dann abwirft, wenn das neue bereits hervorzubrechen beginnt?«

»Ja,« erwiderte langsam Natalia, »ich habe das beobachtet.«

»Ganz dasselbe ist auch der Fall mit alter Liebe in einem starken Herzen: sie ist bereits abgestorben, hält sich aber noch immer; und nur eine andere, neue Liebe vermag sie zu verdrängen.«

Natalia erwiderte nichts.

»Was soll das bedeuten?« dachte sie.

Rudin blieb eine Weile stehen, schüttelte die Haare und entfernte sich.

Natalia ging auf ihr Zimmer. Lange blieb sie in Nachdenken versunken auf ihrem Bettchen sitzen, lange dachte sie über die letzten Worte Rudins nach, drückte plötzlich die Hände zusammen und brach in Tränen aus. Worüber sie geweint hat – das weiß Gott allein! Sie selbst wußte nicht, warum sie so plötzlich weinen mußte. Sie trocknete ihre Tränen, doch von neuem flossen sie, gleich dem Wasser einer lange verhaltenen Quelle.