Alexandra Pawlowna blickte Leschnew mit Erstaunen an.
»Ich erkenne Sie nicht wieder, Michael Michailitsch,« sagte sie. »Das Blut ist Ihnen ins Gesicht gestiegen, Sie sind in Aufregung. – Nein, wahrhaftig, da steckt etwas anderes dahinter …«
»Nun, da haben wir’s! Sagt man einer Frau die Wahrheit auf sein Gewissen – sie wird sich nicht zufrieden geben, bevor sie nicht irgendeinen nichtigen Nebengrund erdichtet, weshalb man gerade so und nicht anders geredet hat.«
Alexandra Pawlowna wurde böse.
»Bravo, Monsieur Leschnew! Sie fangen an, die Frauen nicht besser zu behandeln, als Herr Pigassow es tut; doch, mit Ihrer Erlaubnis, wie scharfsichtig Sie auch sein mögen, wird es mir doch schwer, zu glauben, daß Sie in so kurzer Zeit alle und alles durchdringen konnten. Mir scheint, Sie sind im Irrtum. In Ihren Augen wäre Rudin eine Art Tartüffe.«
»Das ist’s eben, daß er nicht einmal ein Tartüffe ist. Tartüffe, der wußte wenigstens, um was es ihm zu tun war; dieser aber, trotz seines Verstandes …«
Leschnew hielt inne.
»Nun denn, dieser also? Reden Sie aus, Sie ungerechter, garstiger Mensch!«
Leschnew erhob sich.
»Hören Sie, Alexandra Pawlowna,« begann er, »ungerecht sind Sie, nicht ich. Sie zürnen mir wegen meines strengen Urteils über Rudin: ich habe ein Recht, mich über ihn streng zu äußern! Vielleicht habe ich dieses Recht nicht um billigen Preis erkauft. Ich kenne ihn gut: habe lange mit ihm zusammen gelebt. Erinnern Sie sich, ich versprach Ihnen gelegentlich, unser Leben in Moskau zu erzählen. Wie es scheint, muß ich es wohl jetzt tun. Werden Sie aber die Geduld haben, mich bis zu Ende anzuhören?«