»Reden Sie, reden Sie!«
»Wohlan denn!«
Leschnew begann langsamen Schrittes durch das Zimmer zu gehen, von Zeit zu Zeit blieb er stehen und senkte den Kopf nach vorn.
»Vielleicht ist es Ihnen bekannt,« hub er an, »vielleicht auch nicht, daß ich früh als Waise zurückblieb und bereits im siebzehnten Jahre keine andere Autorität über mich kannte als die eigene. Ich lebte im Hause meiner Tante in Moskau und tat, was ich wollte. Ich war ein ziemlich hohler und selbstsüchtiger Bursche und liebte mich zu brüsten und großzutun. Als ich die Universität bezogen hatte, war mein Betragen das eines Schuljungen und verwickelte mich bald in eine höchst fatale Geschichte. Ich will sie Ihnen nicht erzählen: es lohnt nicht. Ich hatte mir eine Lüge zuschulden kommen lassen, eine ziemlich garstige Lüge … Die Sache kam heraus, ich ward überführt, beschämt … ich war verwirrt und weinte wie ein Kind. Das ereignete sich in der Wohnung eines Bekannten, in Gegenwart unserer Gefährten. Alle machten sich lustig über mich, alle, einen Studenten ausgenommen, der, bitte zu beachten, mehr als die übrigen unwillig über mich gewesen war, solange ich verstockt blieb und meine Lüge nicht eingestanden hatte. Tat ich ihm vielleicht leid – genug, er nahm mich unter den Arm und führte mich zu sich.«
»Das war Rudin?« fragte Alexandra Pawlowna.
»Nein, es war nicht Rudin … das war ein Mensch … er ist jetzt schon tot … das war ein ungewöhnlicher Mensch. Er hieß Pokorski. Ihn mit wenigen Worten zu schildern, bin ich nicht imstande, kommt sein Name mir auf die Lippen, dann vergeht mir die Lust, von jedem anderen zu sprechen. Das war eine erhabene reine Seele und ein Geist, wie er mir nachher nicht wieder vorgekommen ist. Pokorski bewohnte ein kleines, niedriges Stübchen im Halbgeschosse eines alten, hölzernen Häuschens. Er war sehr arm und schlug sich, so gut es ging, mit Unterrichtgeben durch. Es kamen Zeiten, wo er nicht einmal mit einer Tasse Tee seinen Gast zu bewirten imstande war, und sein einziger Diwan war dermaßen eingesessen, daß er einem Boote nicht unähnlich sah. Dennoch, trotz des Mangels an Bequemlichkeiten, besuchten ihn viele. Es hatten ihn alle lieb und er zog die Herzen an. Sie können sich nicht vorstellen, wie angenehm und heiter es sich in seinem ärmlichen Stübchen saß! Bei ihm wurde ich mit Rudin bekannt. Er hatte sich damals bereits von seinem Fürstensöhnchen getrennt.«
»Was hatte denn jener Pokorski Besonderes an sich?« fragte Alexandra Pawlowna.
»Wie soll ich Ihnen das erklären? Poesie und Wahrheit – das zog alle zu ihm hin. Bei seinem hellen, weiten Geiste war er liebenswürdig und unterhaltend, wie ein Kind. Noch jetzt tönt sein frohes Lachen in meinen Ohren nach, und dabei
›Glühte er still und unauslöschlich für das Gute
Wie vor dem Heiligenbild die nächtliche Lampe …‹