wie sich über ihn ein halbverrückter, überaus liebenswürdiger Poet unseres Kreises ausgedrückt hat.«
»Und wie sprach er?« fragte wieder Alexandra Pawlowna.
»Er sprach gut, wenn er aufgelegt war, doch nicht auffallend. Rudin war schon damals zwanzigmal beredter als er.«
Leschnew hielt inne und kreuzte die Arme übereinander.
»Pokorski und Rudin glichen einander nicht. An Rudin war gleich mehr Glanz und Effekt, mehr Phrase, und – wenn Sie wollen – mehr Begeisterung. Er schien viel mehr Talent zu besitzen als Pokorski, in der Tat aber war er, im Vergleich zu ihm, ein armer Wicht. Rudin entwickelte ganz vorzüglich jeden beliebigen Gedanken und disputierte meisterhaft; die Gedanken entsprangen aber nicht aus seinem Kopfe: er stahl sie anderen, vorzüglich Pokorski. Dieser war äußerlich ruhig und sanft, fast schwach – liebte die Frauen bis zur Narrheit, zechte gern und würde von niemandem eine Beleidigung ertragen haben. Rudin schien voll Feuer, Kühnheit, Leben, war jedoch im Innern der Seele kalt und beinahe ein Poltron, solange seine Selbstliebe nicht angefochten wurde: dann aber konnte er aus der Haut fahren. Er suchte beständig, andere zu beherrschen, tat es aber immer im Namen allgemeiner Prinzipien und Ideen und gewann dadurch wirklich großen Einfluß auf viele. Es ist wahr, niemand liebte ihn; ich war vielleicht der einzige, der sich an ihn geschlossen hatte. Sein Joch wurde ertragen … Pokorski unterwarfen sich alle von selbst. Rudin vermied aber auch niemals, sich mit dem ersten besten in Unterhaltung oder Wortstreit einzulassen … Er hatte nicht viel gelesen, jedenfalls aber bedeutend mehr als Pokorski und wir alle, überdies besaß er einen systematischen Verstand und ein ungeheures Gedächtnis, dies alles aber verfehlt niemals seine Wirkung auf die Jugend! Ein Resultat muß sie haben, Abschlüsse, wenn auch falsche, aber es müssen Abschlüsse sein! Ein durchweg ehrenhafter Mensch taugt dazu nichts. Versuchen Sie es, der Jugend zu gestehen, daß Sie ihr reine Wahrheit nicht reichen können, weil Sie selbst solche nicht besitzen … die Jugend wird Sie nicht anhören wollen. Sie geradezu hinter das Licht führen können Sie aber auch nicht. Es ist durchaus notwendig, daß Sie selbst, wenn auch nur zur Hälfte, glauben, Sie seien im Besitze der Wahrheit … Darum war denn auch die Wirkung, die Rudin auf unsereinen ausübte, so mächtig. Nun sehen Sie, ich sagte Ihnen soeben, daß er nicht viel gelesen hatte; es waren aber philosophische Bücher, die er las, und sein Kopf war so eingerichtet, daß er aus dem, was er gelesen hatte, sogleich das Allgemeine herausnahm, sich an die Wurzel der Sache klammerte und dann erst von derselben aus, nach allen Seiten hin, klare und gerade Gedankenfäden zog, geistige Fernsichten eröffnete. Unseren damaligen Kreis bildeten, offen gestanden, Knaben – und nur oberflächlich gebildete Knaben. Philosophie, Kunst, Wissenschaft, das Leben selbst – alles das waren für uns nur Worte, vielleicht auch Begriffe, anziehende, herrliche, aber zerstreute, vereinzelte Begriffe. Von einem allgemeinen Zusammenhange dieser Vorstellungen, von einem allgemeinen Weltgesetze hatten wir keine Ahnung, nichts davon stand vor unseren Blicken, obgleich wir unbestimmt disputierten und uns abmühten, uns Licht darüber zu verschaffen. Hörten wir Rudin sprechen, so glaubten wir zum ersten Male, ihn endlich erfaßt zu haben, diesen allgemeinen Zusammenhang, wir wähnten, der Vorhang sei endlich vor uns aufgehoben! Gesetzt auch, er habe nicht Eigenes vorgetragen – was tat es! Eine regelmäßige Ordnung war in unserem ganzen Wissen eingetreten, alles Verworrene hatte sich gesammelt, geschichtet und war vor uns aufgewachsen, wie ein Bau, überall war Licht und wehte Lebensgeist … Nichts blieb unverständlich, zufällig: aus allem sprach vernünftige Notwendigkeit und Schönheit, alles bekam eine klare und zugleich geheimnisvolle Bedeutung, jede vereinzelte Erscheinung im Leben tönte wie ein Akkord, und wir selbst, von einer heiligen Scheu, einem sanften Herzensschauer erfüllt, dünkten uns belebte Gefäße jener ewigen Wahrheit, ihre Werkzeuge, zu etwas Großem berufen … Kommt Ihnen das nicht lächerlich vor?«
»Nicht im mindesten!« erwiderte Alexandra Pawlowna gedehnt. »Warum glauben Sie das? Ich verstehe Sie nicht ganz, finde es aber nicht lächerlich.«
»Seit der Zeit sind wir freilich klüger geworden,« fuhr Leschnew fort, »das muß uns alles jetzt wie Kinderei vorkommen … Doch, ich wiederhole es, wir hatten damals Rudin viel zu verdanken. Pokorski stand unvergleichlich höher als er, dagegen ist nichts zu sagen; Pokorski flößte uns allen Feuer und Kraft ein, er fühlte sich indessen zu gewissen Zeiten schlaff und wurde schweigsam. Er war ein nervöser, krankhafter Mensch; wenn er aber seine Flügel entfaltete – Gott! Wohin nahm er dann seinen Flug! Gerade in das tiefste Blau des Himmels hinein! In Rudin hingegen, diesem schönen und stattlichen Jungen, gab es viel Kleinliches; er machte sogar Klatschereien; seine Leidenschaft war es, sich in alles zu mischen, über alles sein Wort abzugeben, alles zu erklären. Seine rührige Tätigkeit gönnte sich niemals Ruhe … ein politischer Geist das! Ich rede von ihm, wie ich ihn damals gekannt habe. Er hat sich übrigens leider nicht verändert. Und auch in seinen Überzeugungen ist keine Veränderung eingetreten … bei fünfunddreißig Jahren! … Das kann nicht jeder von sich sagen.«
»Setzen Sie sich,« sagte Alexandra Pawlowna zu ihm, »Sie brauchen ja nicht wie ein Perpendikel das Zimmer zu durchlaufen!«
»Mir ist’s so bequemer,« erwiderte Leschnew. »Kaum war ich in den Kreis Pokorskis hineingeraten, so war ich wie umgewandelt: ich demütigte mich, fragte, lernte, freute mich, empfand eine Art von Ehrfurcht, wie wenn ich in einen Tempel getreten wäre. Und in der Tat, wenn ich an unsere Zusammenkünfte zurückdenke, ja, bei Gott, es war viel Gutes, ja Rührendes in ihnen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft von fünf, sechs jungen Burschen vor, ein einziges Talglicht brennt, es wird ein abscheulicher Tee getrunken mit altem, ganz altem Zwieback dazu; zugleich aber betrachten Sie unsere Gesichter und hören unsere Reden! In den Blicken eines jeden – Entzücken, es glühen die Wangen, das Herz klopft, wir reden von Gott, von Wahrheit, von der Zukunft der Menschen, von Poesie, – zuweilen auch Unsinn, lassen uns von einem Nichts hinreißen; was tut das aber! … Pokorski sitzt da, mit untergeschlagenen Beinen, seine Hand stützt die bleiche Wange: seine Augen leuchten. Rudin steht mitten im Zimmer und redet, redet schön, das treue Abbild eines jugendlichen Demosthenes vor dem brausenden Meere; Ssubotin, der Poet mit verwühltem Haar, stößt von Zeit zu Zeit und wie im Traume abgebrochene Sätze aus; ein vierzigjähriger Bursche, Sohn eines deutschen Pastors, Scheller genannt, der wegen seines beständigen, unverbrüchlichen Schweigens unter uns sich den Ruf eines überaus tiefen Denkers erworben hatte, schweigt auf ganz besonders feierliche Weise – und der heitere Stschitow selbst, der Aristophanes unseres Kreises, wird stille und lächelt bloß; zwei drei Neulinge horchen mit begeistertem Entzücken auf … Und die Nacht zieht unbemerkt in stillem Fluge wie auf Fittichen vorüber. Da graut schon der Morgen, und gerührt, heiter, ehrsam, nüchtern – an Wein dachte man damals bei uns nicht – und mit einer gewissen, der Seele wohltuenden Müdigkeit gehen wir auseinander … Noch jetzt denke ich daran, wie ich, ganz in Rührung zerflossen, die menschenleeren Gassen durchstreifte und sogar den Sternen zutrauliche Blicke zuwarf, als wären sie mir näher gerückt und verständlicher geworden … Oh! Die herrliche Zeit damals, und ich kann nicht glauben, daß sie nutzlos verlorengegangen ist! Und sie ist es auch nicht – sie ist nicht verloren, selbst für diejenigen nicht, welche nachmals in der Alltäglichkeit des Lebens untergingen … Wie oft sind mir dergleichen Leute, einstige Kommilitonen, vorgekommen! Man hätte glauben können, ganz vertiert wäre der Mensch, – und es bedürfte nur des Namens Pokorski –, so wurde sogleich alles Gute, das in ihm übriggeblieben war, rege, wie wenn man in einem schmutzigen und finsteren Gemache ein liegengebliebenes Fläschchen voll Wohlgeruch öffnet …«
Leschnew schwieg; sein bleiches Gesicht hatte sich gerötet.