»Weshalb aber, wann – haben Sie sich mit Rudin entzweit?« fragte Alexandra Pawlowna mit verwundertem Blick.
»Ich habe mich nicht mit ihm entzweit; ich trennte mich von ihm, als ich ihn im Auslande genau kennengelernt hatte. Aber schon in Moskau hätten wir uns entzweien können. Schon damals spielte er mir einen bösen Streich.«
»Was war denn das?«
»Das will ich Ihnen sagen. Ich war … wie soll ich mich ausdrücken? Zu meiner Figur paßt das nicht … ich war von jeher sehr geneigt, mich zu verlieben.«
»Sie?«
»Ja, ich! Das ist sonderbar, nicht wahr? Dem ist aber doch so … Nun, ich verliebte mich also damals in ein sehr liebliches Mädchen … Warum sehen Sie mich denn so an? Ich könnte Ihnen von mir eine bei weitem wunderbarere Geschichte erzählen.«
»Was für eine Geschichte? Wenn ich fragen darf? Sie machen mich neugierig.«
»Einfach folgende: Zu jener Zeit in Moskau pflegte ich bei Nacht mich zu einem Rendezvous einzustellen … mit wem meinen Sie wohl? Mit einer jungen Linde am Ende eines Gartens. Ich hielt ihren dünnen und schlanken Stamm umfangen, und es deuchte mir, ich umfasse die ganze Natur, und das Herz wurde mir weit und verging in Liebe, als ob wirklich die ganze Natur sich in dasselbe ergossen hätte … Ja, so war ich! … Doch was! Sie glauben vielleicht auch, ich hätte damals keine Verse gemacht? Ich habe es dennoch getan, ja sogar eine Nachbildung des ›Manfred‹ von Byron! Unter den handelnden Personen kam ein Gespenst vor, mit Blut auf der Brust, und, wohl verstanden, nicht sein eigenes Blut, sondern das Blut der Menschheit überhaupt … Ja, ja, also wundern Sie sich nicht … Doch, ich fing an, von meiner Liebe zu erzählen. Ich machte also die Bekanntschaft eines jungen Mädchens …«
»Und hörten auf, zu der Linde zu gehen?« fragte Alexandra Pawlowna.
»Hörte auf hinzugehen. Jenes junge Mädchen war ein herzensgutes, allerliebstes Geschöpfchen mit lebhaften, klaren Augen und hellklingender Stimme.«