»Sie schildern sehr gut,« bemerkte mit einem feinen Lächeln Alexandra Pawlowna.
»Sie aber sind eine strenge Richterin,« erwiderte Leschnew. »Nun, dieses Mädchen wohnte bei ihrem greisen Vater … Doch ich will mich nicht in Details einlassen. Ich muß Ihnen aber wiederholen, daß dieses junge Mädchen wirklich herzensgut war – goß sie mir doch immer beim Tee das Glas bis zum Rande voll, wenn ich auch nur um ein halbes gebeten hatte! … Drei Tage nach unserem ersten Zusammentreffen war ich schon in Liebe zu ihr entbrannt, am siebenten Tage hielt ich es nicht mehr aus und teilte Rudin alles mit. Junge Leute, wenn sie verliebt sind, können es nicht für sich behalten; ich beichtete also Rudin alles. Ich stand damals ganz unter seinem Einflusse, und dieser Einfluß, ich muß es unverhohlen bekennen, war in vieler Hinsicht wohltuend. Er war der erste, der mich nicht geringachtete, er gab mir den nötigen Schliff. Pokorski liebte ich leidenschaftlich, aber ich empfand eine gewisse Scheu vor seiner reinen Seele, Rudin stand mir näher. Als er von meiner Liebe hörte, geriet er in unbeschreibliches Entzücken, gratulierte mir, umarmte mich und begann sogleich mich belehren, mir die große Wichtigkeit meiner neuen Lage auseinanderzusetzen. Ich war ganz Ohr … Nun, Sie wissen ja, wie er zu reden versteht. Seine Worte machten auf mich einen außerordentlichen Eindruck. Ich bekam auf einmal eine merkwürdige Achtung vor mir selbst, nahm eine ernsthafte Miene an und lachte nicht mehr. Ich weiß es noch, ich fing sogar an, vorsichtiger aufzutreten, als trüge ich in der Brust ein Gefäß, mit kostbarer Flüssigkeit angefüllt, die ich zu verschütten befürchtete … Ich fühlte mich so hoch beglückt, um so mehr, da mir unverkennbare Beweise von Wohlwollen zuteil wurden. Rudin äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft des Gegenstandes meiner Liebe zu machen, und vielleicht war ich es selbst, der darauf bestand, daß er ihm vorgestellt werde.«
»Nun, ich sehe, sehe jetzt, wo dies hinausläuft,« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna. »Rudin hat Ihnen Ihren Gegenstand abgejagt, und Sie können es ihm bis jetzt nicht verzeihen … Ich wollte wetten, ich habe es getroffen!«
»Und Sie würden Ihre Wette verlieren, Alexandra Pawlowna: Sie sind im Irrtum. Rudin hat mir meinen Gegenstand nicht abgejagt und wollte ihn mir auch nicht abjagen; er hat aber dennoch mein Glück zertrümmert, obgleich ich ihm jetzt, wenn ich es mit kaltem Blute betrachte, Dank dafür wissen möchte. Damals aber verlor ich beinahe den Verstand. Rudin wollte mir keineswegs schaden – im Gegenteil! Doch, getreu seiner unglückseligen Gewohnheit: jede Regung des Lebens, des eigenen sowohl wie des anderen, an ein Wort zu spießen, wie den Schmetterling an die Nadel, begann er uns über uns selbst aufzuklären, unser Verhältnis, unser gegenseitiges Benehmen zu analysieren, er zwang uns despotisch, ihm Rechenschaft abzulegen von unseren Gedanken, erteilte uns Lob und Tadel, ja – wollen Sie es glauben – er ließ sich mit uns sogar in einen Briefwechsel ein! … Kurz, wir wurden durch ihn ganz und gar irre aneinander! Ich würde wohl damals schwerlich meine Schöne geheiratet haben, soviel gesunder Verstand war mir noch geblieben, wir hätten aber immerhin, gleich Paul und Virginie, einige glückliche Monate verbringen können; so aber kam es zu Mißverständnissen und Spannungen aller Art – mit einem Worte, es wurde ein völliger Wirrwarr daraus. Das Ende vom Liede war, daß Rudin eines schönen Morgens aus seinen eigenen Reden die Überzeugung herausschälte: es läge ihm, als dem Freunde, die heilige Verpflichtung ob, den greisen Vater von allem in Kenntnis zu setzen, und das hat er auch getan.«
»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna aus.
»Ja, doch nicht zu vergessen, mit meiner Einwilligung – das ist das Wunderbare! Ich erinnere mich jetzt noch, welch ein Chaos ich damals im Kopf mit mir umherschleppte: es drehte sich und verrückte sich in demselben alles, wie in einer Camera obscura: was weiß gewesen, zeigte sich schwarz, Schwarzes – weiß, Lüge schien Wahrheit, Einbildung – Pflicht geworden zu sein … Oh! Noch jetzt fühle ich mich beschämt, wenn ich daran denke! Rudin, – der verlor den Mut nicht … warum sollte er es auch! Er flog nur so hinweg über Mißverständnisse und Verwicklungen aller Art, wie die Schwalbe über den Teich.«
»Und so schieden Sie denn von Ihrem Mädchen?« fragte Alexandra Pawlowna, das Köpfchen naiv auf die Seite neigend und die Augenbrauen heraufziehend.
»Ich schied von ihr … und es war ein schlechtes, ein beleidigendes, ungeschicktes, unnützerweise offenkundiges Scheiden … Ich weinte, sie weinte und der Teufel weiß, was daraus wurde … Es hatte sich da ein gordischer Knoten zusammengezogen – er mußte durchhauen werden, das tat wehe! Übrigens fügt sich alles auf der Welt zum besten. Sie hat einen braven Mann geheiratet und lebt jetzt glücklich …«
»Gestehen Sie es, Sie haben Rudin doch nicht vergeben können …« warf Alexandra Pawlowna ein.
»Sie irren sich!« erwiderte Leschnew, »geweint habe ich wie ein Kind, als ich bei seiner Abreise ins Ausland Abschied von ihm nahm. Die Wahrheit zu sagen, ist mir aber doch, schon damals, ein Stachel in der Seele steckengeblieben. Und als ich später im Auslande mit ihm zusammentraf … je nun, da war ich auch schon älter geworden … Rudin erschien mir in seinem wahren Lichte.«