»O nein!« äußerte Leschnew lächelnd … »Was Charakter anbetrifft – davon besitzen Sie, Gott sei Dank, nichts.«

»Was ist das wieder für ein unartiger Ausfall!«

»Wie? Ich bitte Sie, das ist ja das allergrößte Kompliment …«

Wolinzow trat herein und warf einen mißtrauischen Blick auf Leschnew und seine Schwester. Er hatte in der letzten Zeit etwas abgenommen. Beide redeten ihn an; er würdigte aber ihre Scherze kaum eines Lächelns und hatte, wie sich einst Pigassow über ihn äußerte, die Miene eines »melancholischen Hasen«. Es hat aber wohl kaum jemals einen Menschen gegeben, der nicht, wenn auch nur einmal in seinem Leben, eine noch schlechtere Miene gezeigt hätte. Wolinzow fühlte, daß Natalia sich von ihm abwandte, mit ihr aber, so deuchte es ihm, schwand auch der Boden unter seinen Füßen.

VII

Der folgende Tag war ein Sonntag, und Natalia verließ spät ihr Lager. Tags zuvor war sie bis zum Abend sehr schweigsam gewesen, hatte sich insgeheim ihrer Tränen geschämt und schlecht geruht. Halb angekleidet vor dem kleinen Klavier sitzend, hatte sie, um Mlle. Boncourt nicht zu wecken, kaum hörbare Akkorde gegriffen, oder war, die Stirn an die kalten Tasten gedrückt, lange regungslos sitzengeblieben. Sie hatte fortwährend, nicht sowohl an Rudin selbst, als vielmehr an dieses oder jenes seiner Worte gedacht und sich gänzlich ihren Eindrücken hingegeben.

Von Zeit zu Zeit tauchte Wolinzow in ihrer Erinnerung auf. Sie wußte, daß er sie liebe, doch sie verwarf den Gedanken an ihn sogleich wieder … Sie empfand eine eigentümliche Aufregung. Als der Morgen gekommen war, kleidete sie sich rasch an, ging hinunter, und nachdem sie ihrer Mutter einen guten Tag gewünscht hatte, benutzte sie einen günstigen Augenblick, um sich allein in den Garten zu begeben. Es war ein heißer, heller, sonniger Tag, wenn auch von Zeit zu Zeit von kurzem Regen unterbrochen. Niedrige wollige Wolkenknäuel zogen ruhig am reinen Himmel, ohne die Sonne zu verdecken, dahin und sandten den Feldern in Zwischenräumen heftige und plötzliche Regengüsse. Große, glänzende Tropfen fielen gleich Brillanten mit abgerissenem, trocknem Geräusch; die Sonnenstrahlen spielten mitten durch den Regen; das Gras, noch vor kurzem vom Winde bewegt, rührte sich nicht: es sog gierig die Feuchtigkeit auf; das benetzte Laub zitterte an den Bäumen; die Vögel hatten ihren Gesang nicht unterbrochen und es war eine Lust, dem munteren Gezwitscher derselben beim kühlen Rauschen und Murmeln des vorüberziehenden Regens zu lauschen. Kleine Staubwirbel zogen wie Rauch auf der Landstraße dahin, die von den heftig aufschlagenden Regentropfen wie gefleckt erschienen. Doch da ist das Wölkchen vorüber, ein leichter Wind hat sich erhoben, in Smaragden und Gold spielt das Gras … Blatt hat sich an Blatt gelegt, wie angeklebt, und lichter ist es in dem Laube geworden … Starker Duft steigt überall empor …

Der Himmel hatte sich fast ganz aufgeklärt, als Natalia sich in den Garten begab. Frische und Stille umfingen sie, jene sanfte und beglückende Stille, welche im menschlichen Herzen sehnsuchtsvolles Mitgefühl und unbestimmtes, heimliches Verlangen hervorruft …

Natalia wandelte den Teich entlang, in der langen Allee von Silberpappeln, als plötzlich vor ihr, wie aus dem Boden emporgeschossen, Rudin erschien.

Sie wurde verwirrt. Er blickte ihr ins Gesicht.