»Wäre es möglich, Dmitri Nikolaitsch,« unterbrach ihn Natalia, »Sie erwarten nichts mehr vom Leben?«

»O nein! Ich erwarte vieles; doch nicht für mich … Der Tätigkeit, der Freude am Handeln werde ich niemals entsagen; ich habe aber dem Genusse entsagt. Mein Hoffen, mein Träumen und mein persönliches Glück haben nichts miteinander gemein. Die Liebe (bei diesem Worte zuckte er die Achseln) … die Liebe: – ist nicht für mich; ich bin … ihrer nicht wert; ein Weib, welches liebt, hat das Recht des Anspruchs auf den ganzen Mann, ganz aber kann ich mich nicht hingeben. Und dann – Gefallen ist das Ziel und das Recht der Jugend: ich bin zu alt dazu. Wie sollte ich noch fremde Köpfe verdrehen? Gott helfe mir, den meinen auf den Schultern zu behalten!«

»Ich verstehe,« äußerte Natalia, »wer einem hohen Ziele entgegenstrebt, darf nicht mehr an sich denken; warum aber wäre das Weib nicht imstande, einen solchen Menschen zu würdigen? Mich dünkt im Gegenteil, es würde sich eher von einem Egoisten abwenden … Alle jungen Leute, jene Jünglinge, wie Sie sagen, sind insgesamt – Egoisten, nur mit sich selbst beschäftigt, selbst wenn sie lieben. Glauben Sie mir, das Weib ist nicht bloß imstande, Aufopferung zu begreifen, sie versteht es auch, sich selbst zum Opfer zu bringen.«

Natalias Wangen hatten sich leicht gerötet und ihre Augen glänzten. Vor ihrer Bekanntschaft mit Rudin würde man nie aus ihrem Munde eine so lange und feurige Rede vernommen haben.

»Sie haben schon mehrmals meine Meinung von dem Berufe der Frauen gehört,« erwiderte Rudin mit herablassendem Lächeln, »Sie wissen, daß, meiner Ansicht nach, Johanna d’Arc allein Frankreich retten konnte … doch, nicht davon ist die Rede. Ich wollte von Ihnen sprechen. Sie stehen an der Schwelle des Lebens … Von Ihrer Zukunft zu sprechen, macht Vergnügen und ist nicht ohne Nutzen … Hören Sie mich: Sie wissen, ich bin Ihr Freund; ich nehme teil an Ihnen, wie etwa an einer Verwandten … darum, hoffe ich, werden Sie meine Frage nicht unbescheiden finden: sagen Sie mir, ist Ihr Herz bis jetzt ganz ruhig gewesen?«

Natalia wurde feuerrot und antwortete nichts. Rudin blieb stehen und sie tat dasselbe.

»Sind Sie mir böse?« fragte er.

»Nein,« sagte sie, »ich hatte aber durchaus nicht erwartet …«

»Übrigens«, fuhr er fort, »brauchen Sie mir nicht zu antworten. Ihr Geheimnis ist mir bekannt.«

Fast erschrocken blickte Natalia ihn an.