»Wie? Von mir?«

»Ja, von Ihnen; ich wiederhole es, ich will Sie nicht hintergehen … Jetzt wissen Sie, von welchem Gefühle, von welchem neuen Gefühle ich in jenem Augenblick sprach … Vor dem heutigen Tage würde ich es nicht gewagt haben …«

Natalia bedeckte rasch das Gesicht mit den Händen und lief dem Hause zu.

Sie war dermaßen durch den unerwarteten Ausgang ihres Gesprächs mit Rudin erschüttert, daß sie Wolinzow, an dem sie vorbeigelaufen war, nicht einmal bemerkt hatte. Er stand unbeweglich, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt. Eine Viertelstunde vorher war er zu Darja Michailowna gekommen, hatte dieselbe im Gastzimmer getroffen, ihr ein paar Worte gesagt und sich unbemerkt entfernt, in der Absicht, Natalia aufzusuchen. Geleitet von dem, den Verliebten eigentümlichen Instinkt, war er geradeswegs in den Garten gegangen und auf Rudin und Natalia in dem Augenblicke gestoßen, als sie ihre Hand der seinigen entriß. Wolinzow war es dunkel vor den Augen geworden. Nachdem er Natalia mit den Blicken gefolgt war, verließ er den Baum und tat ein paar Schritte, ohne selbst zu wissen, wohin und warum.

Rudin bemerkte ihn im Vorbeigehen. Beide blickten einander in die Augen, tauschten einen Gruß und trennten sich schweigend.

Damit ist es nicht abgemacht, dachten beide.

Wolinzow entfernte sich an das äußerste Ende des Gartens. Ein bitterpeinliches Gefühl hatte sich seiner bemächtigt; auf dem Herzen lag es ihm wie Blei und das Blut in ihm wallte von Zeit zu Zeit schwer und heftig auf. Es fielen wieder Tropfen. Rudin war auf sein Zimmer zurückgekehrt. Auch er war nicht ruhig: im Wirbel drehten sich die Gedanken in seinem Kopfe. Wer sollte durch die unerwartete, vertrauensvolle Hingabe einer jungen, reinen Seele nicht verwirrt werden!

Bei der Mittagstafel wollte kein Gespräch in Gang kommen. Natalia war sehr bleich, hielt sich kaum auf ihrem Stuhle und hob die Augen nicht auf. Wolinzow saß, wie er gewohnt war, an ihrer Seite, und zwang sich von Zeit zu Zeit, das Wort an sie zu richten. Es traf sich, daß Pigassow an diesem Tage bei Darja Michailowna speiste. Er war der Gesprächigste von allen bei Tische. Unter anderen suchte er zu beweisen, daß man die Menschen, wie Hunde, in zwei Klassen, in kurz- und langohrige, einteilen könne. »Die Menschen«, sagte er, »haben kurze Ohren, entweder von Geburt an oder durch eigene Schuld. In beiden Fällen sind sie zu beklagen, denn nichts gelingt ihnen – es fehlt ihnen das Selbstvertrauen. Der Langohrige dagegen ist ein Glückskind. Er mag schlechter und schwächer als der Kurzohrige sein, er besitzt aber Selbstvertrauen; er spitzt die Ohren – und alles bewundert ihn.«

»Ich«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »gehöre zur Klasse der Kurzohrigen, und, was dabei das Schlimmste ist, ich habe mir die Ohren selbst gestutzt.«

»Damit wollen Sie sagen,« warf nachlässig Rudin ein, »was übrigens bereits lange vor Ihnen La Rochefoucauld gesagt hat: ›Vertraue dir selbst und andere werden dir vertrauen.‹ Wozu aber da die Ohrengeschichte!«