»So lassen Sie doch jeden,« bemerkte Wolinzow bitter und mit funkelndem Blick, »lassen Sie jeden sich ausdrücken, wie es ihm gefällt. Man redet von Despotismus … Nach meiner Meinung gibt’s keinen ärgeren Despotismus als den der sogenannten klugen Geister. Fort mit ihnen!«

Alle waren über diesen Ausfall Wolinzows in Staunen geraten und verstummt. Rudin warf einen Blick auf ihn, konnte aber den seinigen nicht ertragen und wandte sich ab, lächelte verlegen und sagte nichts.

Oho! Auch du hast kurze Ohren! dachte Pigassow bei sich; Natalia bebte vor Angst. Darja Michailowna maß Wolinzow mit einem langen, erstaunten Blick und nahm endlich das Wort; sie begann von einem ungewöhnlichen Hunde zu erzählen, der ihrem Freunde, dem Minister N. N., gehörte …

Wolinzow entfernte sich bald nach Tische. Beim Abschiednehmen von Natalia hielt er nicht mehr an sich und sagte zu ihr:

»Warum sind Sie so verstört, als wären Sie sich einer Schuld bewußt? Sie können sich – vor niemandem – einer Schuld bewußt sein! …«

Natalia hatte nichts verstanden und folgte ihm bloß mit den Augen. Vor dem Tee trat Rudin zu ihr, und über den Tisch gebeugt, als überfliege er die Zeitungen, flüsterte er ihr zu:

»Es ist wie ein Traum, nicht wahr? Ich muß Sie durchaus allein sprechen … wäre es auch nur auf einen Augenblick.« Und zu Mlle. Boncourt gewendet, sagte er: »Hier ist das Feuilleton, welches Sie suchten,« dann neigte er sich wieder zu Natalia und setzte leise hinzu: »Suchen Sie gegen zehn Uhr sich in der Fliederlaube neben der Terrasse einzufinden, ich werde Sie erwarten …«

Der Held dieses Abends blieb Pigassow. Rudin hatte ihm den Kampfplatz überlassen. Er machte Darja Michailowna viel lachen; zuerst erzählte er von einem seiner Nachbarn, der dreißig Jahre unter dem Pantoffel seiner Ehehälfte gestanden und sich bis zu dem Grade Weibergewohnheiten angeeignet hatte, daß er einst, im Beisein Pigassows, beim Überschreiten einer kleinen Pfütze, die Schöße seines Gehrocks aufnahm, wie Frauen es mit ihren Röcken zu tun pflegen. Dann kam er auf einen anderen Gutsbesitzer, der anfangs Freimaurer, dann Melancholiker gewesen war und endlich Bankier zu werden gewünscht hatte.

»Wie haben Sie es denn angefangen, Freimaurer zu werden, Philipp Stepanitsch?« hatte ihn Pigassow gefragt.

»Nichts leichter als das,« habe er geantwortet, »ich ließ mir den Nagel des kleinen Fingers wachsen.« Über nichts jedoch lachte Darja Michailowna mehr, als wenn Pigassow anfing, sich über die Liebe auszulassen und zu beteuern, auch nach ihm sei geseufzt worden, und eine feurige Ausländerin habe ihn sogar »ihr appetitliches Afrikänchen« genannt. Darja Michailowna lachte, doch war es die Wahrheit, was Pigassow erzählte: er hatte in der Tat ein Recht, mit seinen Siegen zu prahlen. Er behauptete, nichts wäre leichter, als jedes beliebige Frauenzimmer verliebt zu machen: man dürfe ihr bloß zehn Tage nacheinander wiederholen, sie habe das Paradies auf den Lippen, Seligkeit in den Augen und die übrigen Weiber seien bloß Lappen im Vergleich zu ihr; und am elften Tage werde sie selbst sagen, sie habe das Paradies auf den Lippen, Seligkeit in den Augen und wird sich in Sie verlieben. In der Welt kommt alles vor. Wer weiß, vielleicht hatte Pigassow recht.