Um halb neun Uhr war Rudin bereits in der Laube. Am fernen, erbleichenden Horizonte tauchten eben die ersten Sternchen auf; im Westen war der Himmel noch gerötet – auch war auf dieser Seite der Horizont heller und reiner; der Halbmond schimmerte wie Gold durch das dunkle Geflecht der Trauerbirke. Die übrigen Bäume standen entweder vereinzelt mit durchscheinenden Laubkronen gleich finsteren, tausendäugigen Riesen da oder verschwammen in dichte, düstere Massen. Kein Blatt regte sich; die äußersten Zweige der Flieder- und Akazienbäume strecken ihre Spitzen in die warme Luft hinaus, als lauschten sie auf etwas. Das nahe Haus hüllte sich in Dunkel; wie rötlich gefärbte Streifen hoben sich an demselben die erhellten, länglichen Fenster ab. Die Nacht war milde und still; doch schien es, als ob ein zurückgehaltener, leidenschaftlicher Seufzer geheimnisvoll in dieser Stille verhallte.

Rudin stand, die Arme über die Brust gekreuzt und horchte mit äußerster Spannung. Sein Herz klopfte heftig und unwillkürlich hielt er den Atem an. Endlich glaubte er leichte, hastige Schritte zu vernehmen und Natalia trat in die Laube.

Rudin stürzte ihr entgegen und ergriff ihre Hände. Sie waren kalt wie Eis.

»Natalia Alexejewna!« redete er sie mit bebender Stimme an, »ich wollte Sie sehen … ich konnte den morgenden Tag nicht erwarten. Ich muß Ihnen sagen, was ich vor dem heutigen Morgen selbst noch nicht geahnt hatte, mir noch nicht bewußt war: ich liebe Sie.«

Natalias Hände zuckten schwach in den seinigen.

»Ich liebe Sie,« wiederholte er, »und daß ich so lange mich täuschen, so lange nicht ahnen konnte, daß ich Sie liebe … Und Sie, Natalia Alexejewna … antworten Sie mir – und Sie?«

Natalia konnte kaum atmen.

»Sie sehn, ich bin hergekommen,« brachte sie endlich hervor.

»Oh! sagen Sie, lieben Sie mich?«

»Ich glaube … ja …« sagte sie leise.