Rudin erhob sich.
»Ich will Ihnen sagen, Sergei Pawlitsch, weshalb ich mich entschlossen habe, zu Ihnen zu kommen, weshalb ich mir sogar das Recht nicht zutraute, aus unserer … unserer gegenseitigen Neigung ein Geheimnis vor Ihnen zu machen. Ich habe gar zu große Achtung für Sie – deshalb bin ich gekommen; ich wollte nicht … wir beide wollten nicht Komödie vor Ihnen spielen. Ihre Gefühle für Natalia Alexejewna waren mir bekannt … Glauben Sie mir, ich kenne meinen Wert: ich weiß, wie wenig würdig ich bin, Ihre Stelle in ihrem Herzen einzunehmen; da es sich aber dennoch so gefügt hat, wären dann wohl List, Betrug, Verstellung schicklich gewesen? Könnte es wünschenswert sein, sich Mißverständnissen auszusetzen, oder selbst nur einer solchen Szene wie der gestrigen bei Tische? Sergei Pawlitsch, gestehen Sie es selbst.«
Wolinzow kreuzte die Arme über der Brust, als koste es ihm Mühe, sich zu beherrschen.
»Sergei Pawlitsch!« fuhr Rudin fort, »ich habe Sie gekränkt, ich fühle es … aber mißverstehen Sie uns nicht … Sie müssen begreifen, daß uns kein anderes Mittel blieb, Ihnen unsere Achtung zu beweisen, Ihnen zu zeigen, daß wir Ihren offenen Edelmut zu schätzen wissen. Aufrichtigkeit, vollkommene Aufrichtigkeit würde jedem anderen gegenüber unstatthaft gewesen sein, Ihnen gegenüber jedoch wird sie zur Pflicht. Es ist uns ein Vergnügen, zu glauben, daß unser Geheimnis in Ihren Händen …«
Wolinzow lachte gezwungen auf.
»Danke für dieses Vertrauen!« rief er aus, »obgleich ich, wohlverstanden, weder Ihr Geheimnis zu wissen, noch das meinige Ihnen zu entdecken gewünscht hatte, verfügen Sie dennoch darüber, wie über Ihr eigenes Gut. Erlauben Sie aber, Sie reden zugleich im Namen einer anderen Person. Also darf ich voraussetzen, daß Ihr Besuch und der Zweck desselben Natalia Alexejewna bekannt ist?«
Rudin ward bei diesen Worten etwas verlegen.
»Nein, ich habe Natalia Alexejewna von meinem Vorhaben nicht unterrichtet; weiß jedoch, daß sie meine Ansicht teilt.«
»Das ist alles sehr schön,« sagte nach einigem Schweigen Wolinzow und begann mit den Fingern an der Scheibe zu trommeln. »Viel besser, ich gestehe es, wäre es aber doch, wenn Sie etwas … weniger Achtung für mich hätten. Die Wahrheit zu sagen, ist mir Ihre Achtung keinen Groschen wert; was aber wollen Sie eigentlich von mir?«
»Nichts will ich … oder nein! ich will etwas: ich will, daß Sie mich nicht für einen hinterlistigen und schlauen Menschen halten, daß Sie mich kennenlernen … Ich hoffe, Sie können auch schon jetzt meine Aufrichtigkeit nicht in Zweifel ziehen … Ich will, Sergei Pawlitsch, daß wir als Freunde voneinander scheiden … daß Sie, wie ehemals, mir die Hand reichen …«