In dem Hause Darja Michailownas ging unterdessen Ungewöhnliches vor. Die Hausfrau selbst zeigte sich den ganzen Morgen nicht und erschien auch nicht bei der Tafel: sie litt an Kopfweh, wie Pandalewski, die einzige Person, die Einlaß bei ihr hatte, behauptete. Rudin sah Natalia auch nur flüchtig: sie saß auf ihrem Zimmer mit Mlle. Boncourt … Als sie mit ihm im Speisesaale zusammentraf, blickte sie ihn so traurig an, daß ihm das Herz erbebte. Ihr Gesicht hatte sich verändert, als wenn seit dem gestrigen Tage ein Unglück über sie hereingebrochen wäre. Unbestimmte, ahnungsvolle Zweifel begannen Rudin zu quälen. Um sich einigermaßen zu zerstreuen, machte er sich an Bassistow, unterhielt sich mit ihm lange, und fand in ihm einen feurigen, lebhaften Jüngling, voll begeisterter Hoffnungen und noch ungebrochener Glaubenskraft. Gegen abend zeigte sich Darja Michailowna für ein paar Stunden im Gastzimmer. Gegen Rudin war sie liebenswürdig, doch etwas zurückhaltend, bald heiter, bald ernst, sprach etwas durch die Nase und meist in Anspielungen … Sie war ganz Hofdame. In der letzten Zeit war sie scheinbar kälter gegen Rudin geworden.

Wer löst mir dieses Rätsel? dachte er, ihr zurückgeworfenes Köpfchen von der Seite betrachtend.

Nicht lange brauchte er auf dessen Lösung zu warten. Gegen Mitternacht, im Begriff, sich auf sein Zimmer zu begeben, schritt er durch einen finsteren Gang, als plötzlich jemand ihm einen Zettel zusteckte. Er blickte sich um und sah ein junges Mädchen davoneilen, in welchem er Natalias Kammerjungfer erkannte. Auf seinem Zimmer angelangt, schickte er seinen Diener fort, öffnete den Zettel und las folgende von Natalias Hand geschriebene Zeilen: »Kommen Sie morgen früh gegen sieben Uhr, nicht später, zum Awdjuchinteich hinter dem Eichengehölz. Eine andere Stunde vermag ich nicht zu bestimmen! Wir werden uns dort zum letzten Male sehen und alles wird zu Ende sein, wenn nicht … Kommen Sie. Ein Entschluß muß gefaßt werden …

P. S. Komme ich nicht, dann sehen wir uns nie wieder: dann werde ich Sie wissen lassen …«

Rudin versank in Nachdenken, drehte den Zettel in den Händen herum, steckte ihn unter das Kissen, kleidete sich aus und legte sich nieder, konnte aber lange nicht die Ruhe finden, welche er suchte; sein Schlaf war unruhig und es war noch nicht fünf Uhr, als er erwachte.

IX

Der Awdjuchinteich, welchen Natalia Rudin als Ort der Zusammenkunft bezeichnet, hatte schon längst aufgehört, Teich zu sein. Vor dreißig Jahren hatte das Wasser den Damm durchbrochen, und seit der Zeit war er so geblieben. Nur an dem ebenen und flachen Grunde der Vertiefung, den einst fetter Schlamm überzog, sowie an den Überresten des Dammes konnte man erraten, daß dort ein Teich gewesen war. Es hatte daneben auch ein Edelhof gestanden. Auch dieser war schon längst verschwunden. Zwei riesige Fichten allein erinnerten noch an denselben; mürrisch zogen und rauschten ewige Winde durch ihr spärliches, hoch oben wachsendes Grün … Die Volkssage erzählte von einer schauerlichen Missetat, die am Fuße dieser Fichten vollbracht worden sei, ja man wollte sogar vorher wissen, keine derselben werde fallen, ohne jemandem den Tod zu bringen; vor Zeiten habe dort noch eine dritte gestanden, sei aber vom Sturme umgestürzt worden und habe im Falle ein kleines Mädchen getötet. Die ganze Gegend um den Teich herum wurde als nicht geheuer betrachtet; wüste und kahl und dabei verwildert und düster sogar bei Sonnenlicht, erschien sie noch düsterer und verwilderter durch die Nähe des alten, längst abgestorbenen und verdorrten Eichengehölzes. Einzelne graue Gerippe mächtiger Bäume ragten, finsteren Gespenstern gleich, über das niedrige Gestrüpp empor. Unheimlich waren sie anzuschauen: als wären es böse Greise gewesen, die sich da versammelt hätten und irgendeinen schlimmen Plan berieten. Seitwärts zog sich in Windungen ein selten betretener Fußweg hin. Wer nicht dazu gezwungen war, vermied es, am Awdjuchinteiche vorüberzugehen. Natalia hatte mit Absicht diesen einsamen Ort gewählt, der vom Hause Darja Michailownas kaum eine halbe Werst entfernt lag.

Die Sonne war längst aufgegangen, als Rudin vor den Awdjuchinteich kam; es war aber kein heiterer Morgen. Dicht aneinandergedrängte, weißlich-graue Wolken bedeckten den ganzen Himmel; mit Pfeifen und Heulen trieb der Wind sie heftig weiter. Rudin begann auf dem mit dichten Disteln und schwarzgewordenen Nesseln bedeckten Damme auf und ab zu gehen. Er war nicht ruhig. Diese Zusammenkünfte, diese neuen Eindrücke interessierten ihn, regten ihn aber auch auf, besonders aber nach dem gestrigen Zettel. Er sah ein, daß die Katastrophe nahe sei und war insgeheim verwirrt, obgleich es niemand geglaubt hätte, der ihn so mit gesammelter Entschlossenheit, mit auf der Brust gekreuzten Armen um sich schauend, beobachtet hätte. Nicht unrecht hatte Pigassow, als er einst von ihm sagte, daß bei ihm, wie bei den chinesischen Puppen, der Kopf beständig überschlage. Doch wie stark auch ein Kopf immer sein möge, so fällt es dem Menschen doch schwer, durch ihn allein auch nur das zu erkennen, was in seinem eigenen Innern vorgeht … Rudin, der kluge, scharfsichtige Rudin, war nicht imstande, mit Gewißheit zu sagen, ob er Natalia liebe, ob er leide, ob er leiden werde, wenn er sich von ihr trennen sollte. Weshalb nun mußte er, ohne den Lovelace zu spielen – diese Gerechtigkeit lassen wir ihm widerfahren –, einem armen Mädchen den Kopf verdrehen? Warum wartete er auf dasselbe mit heimlichem Beben? Hierauf gibt es nur die eine Antwort: Niemand läßt sich so leicht hinreißen, wie ein leidenschaftsloser Mensch.

Er schritt den Damm entlang, während Natalia geradeaus über das Feld, auf feuchtem Grase ihm entgegeneilte.

»Fräulein! Fräulein! Sie werden sich die Füße naß machen,« sagte Mascha, ihr Kammermädchen, kaum imstande, gleichen Schritt mit ihr zu halten.