»Uns dem Geschicke unterwerfen,« fuhr Rudin fort. »Was ist dabei zu machen! Ich weiß gar zu gut, wie bitter, schwer und unerträglich das ist; bedenken Sie aber selbst, Natalia, ich bin arm … Freilich, ich kann arbeiten; doch, wenn ich auch reich wäre, könnten Sie wohl die gewaltsame Trennung von den Ihrigen, den Zorn Ihrer Mutter ertragen? … Nein, Natalia, daran ist nicht zu denken. Es muß uns wohl nicht bestimmt sein, miteinander zu leben, und jenes Glück, von welchem ich geträumt hatte, ist mir nicht beschieden.«
Natalia bedeckte plötzlich das Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus. Rudin trat an sie heran.
»Natalia, liebe Natalia!« sagte er mit Wärme, »weinen Sie nicht, um Gottes willen, martern Sie mich nicht, beruhigen Sie sich.«
Natalia erhob den Kopf.
»Sie sagen mir, ich solle mich beruhigen,« begann sie, und ihre Augen glänzten unter Tränen, »ich weine nicht über das, was Sie glauben … Mich schmerzt nicht das: mich schmerzt, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe … Wie? ich suche bei Ihnen Stütze, und zu welcher Stunde! und Ihr erstes Wort ist: Ergebung … Ergebung! So also äußert sich durch die Tat Ihre Theorie von der Freiheit, von Opfern, welche …«
Ihre Stimme war gebrochen.
»Erinnern Sie sich doch, Natalia,« begann Rudin bestürzt, »ich nehme meine Worte nicht zurück … nur …«
»Sie fragten mich,« fuhr sie mit neuer Kraft fort, »was ich meiner Mutter geantwortet habe, als sie mir erklärte, sie würde mich lieber tot wissen, als in meine Verbindung mit Ihnen einwilligen: ich gab ihr zur Antwort, daß ich lieber tot, als die Frau eines anderen sein wolle … Und Sie reden von Ergebung! Sie hat also dennoch Recht gehabt: Sie haben wirklich zum Zeitvertreib, aus Langeweile Scherz mit mir getrieben …«
»Ich schwöre Ihnen, Natalia … ich schwöre Ihnen …«, wiederholte Rudin.
Sie hörte aber nicht auf ihn.