»Warum hielten Sie mich nicht zurück? Warum mußten Sie selbst … Oder glaubten Sie, auf keine Hindernisse zu stoßen? Ich muß mich schämen, davon zu reden … es ist ja aber alles schon aus.«
»Sie müssen sich beruhigen, Natalia,« nahm Rudin wieder das Wort, »wir wollen zusammen erwägen, welche Mittel …«
»Sie haben so oft von Aufopferung gesprochen,« unterbrach sie ihn, »wissen Sie aber wohl, wenn Sie heute, jetzt zu mir gesagt hätten: ›Ich liebe dich, kann dich aber nicht heiraten, ich stehe nicht für die Zukunft ein, reich mir die Hand und folge mir,‹ – wissen Sie wohl, ich wäre Ihnen gefolgt, wissen Sie’s, ich war zu allem entschlossen! Doch vom Wort zur Tat ist’s weiter, als ich glaubte, und Sie haben jetzt Furcht, ganz so wie neulich bei Tische vor Wolinzow.«
Die Röte stieg Rudin ins Gesicht. Die unerwartete Begeisterung Natalias hatte ihn bestürzt gemacht; ihre letzten Worte jedoch waren ein Stachel für seine Eigenliebe.
»Sie sind jetzt gar zu aufgeregt, Natalia,« fing er an, »Sie können nicht verstehen, wie grausam Sie mich beleidigen. Ich hoffe, Sie werden mir mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren lassen; Sie werden begreifen, was es mich gekostet hat, dem Glücke zu entsagen, das, wie Sie selbst sagen, mir keinerlei Verpflichtungen auferlegte. Ihre Ruhe ist mir teurer, als alles auf der Welt, und ich wäre ein Elender, wollte ich zu meinem Vorteile …«
»Vielleicht, vielleicht,« unterbrach ihn Natalia, »vielleicht haben Sie recht, und ich weiß nicht, was ich rede. Bis jetzt jedoch glaubte ich Ihnen, glaubte jedem Ihrer Worte … In Zukunft bitte ich Sie, wägen Sie Ihre Worte ab, sprechen Sie dieselben nicht in den Wind. Als ich Ihnen sagte, daß ich Sie liebe, wußte ich, was dies Wort bedeutet: ich war zu allem bereit … Jetzt bleibt mir nur, Ihnen für die Lektion zu danken und mich zu verabschieden.«
»Halten Sie ein, um Gottes willen, Natalia, ich beschwöre Sie. Ich habe nicht Ihre Verachtung verdient, das schwöre ich Ihnen. Versetzen Sie sich aber auch in meine Lage. Ich muß für Sie wie für mich einstehen. Wenn ich Sie nicht grenzenlos liebte – dann, mein Gott! würde ich Ihnen selbst sogleich den Vorschlag machen, mit mir zu entfliehen … früher oder später würde Ihre Mama es uns doch vergeben … und dann … Doch bevor ich an mein eigenes Glück denken durfte …«
Er hielt inne. Natalias Blick war gerade und fest auf ihn gerichtet … Es ging nicht – er mußte schweigen.
»Sie bestreben sich, mir zu beweisen, daß Sie ein ehrlicher Mann sind, Dmitri Nikolaitsch,« äußerte sie, »ich zweifle nicht daran. Sie sind nicht imstande, aus Berechnung zu handeln; war es denn aber diese Überzeugung, die ich zu gewinnen gewünscht hatte, war ich deshalb hierhergekommen …«
»Ich hatte nicht erwartet, Natalia …«