»Ah! Nun endlich haben Sie es ausgesprochen! Ja, Sie hatten alles dies nicht erwartet – Sie kannten mich nicht. Beruhigen Sie sich … Sie lieben mich nicht, ich aber dränge mich niemandem auf.«

»Ich liebe Sie!« rief Rudin aus.

Natalia richtete sich auf.

»Möglich; wie aber lieben Sie mich? Alle Ihre Worte schweben mir vor, Dmitri Nikolaitsch. Erinnern Sie sich, Sie sagten mir, ohne völlige Gleichheit gäbe es keine Liebe … Sie stehen mir zu hoch, Sie passen für mich nicht … Ich habe diese Strafe verdient. Beschäftigungen warten Ihrer, die Ihrer würdiger sind. Den heutigen Tag werde ich nicht vergessen … Leben Sie wohl …«

»Natalia, Sie wollen fort? Sollen wir denn so scheiden?«

Er streckte die Hände nach ihr aus. Sie blieb stehen. Seine flehende Stimme schien sie unschlüssig gemacht zu haben.

»Nein,« rief sie endlich, »ich fühle, es ist in mir etwas gebrochen … Ich kam hierher, redete mit Ihnen, wie in Fieberhitze; ich muß meine Sinne zusammennehmen. Es soll nicht sein, Sie selbst sagten, es dürfe nicht sein. Mein Gott, als ich hierherging, nahm ich in Gedanken Abschied von meinem Hause, von meiner ganzen Vergangenheit – und was? Wen traf ich hier? Einen kleinmütigen Mann … Und woher wußten Sie, daß ich nicht imstande wäre, die Trennung von meiner Familie zu ertragen? ›Ihre Mama gibt nicht ihre Einwilligung … das ist schrecklich!‹ Dies war alles, was ich von Ihnen hörte. Sind Sie es, sind Sie es, Rudin? Nein! Leben Sie wohl … Ach! Wenn Sie mich liebten, jetzt, in diesem Augenblicke müßte ich es fühlen … Nein, nein, leben Sie wohl! …«

Sie wandte sich rasch um und lief zu Mascha, die schon seit geraumer Zeit angefangen hatte, unruhig zu werden und ihr Zeichen zu machen.

»Sie haben Angst bekommen, nicht aber ich!« rief Rudin Natalia nach. Sie gab nicht mehr acht auf ihn und eilte über das Feld nach Hause. Glücklich kam sie auf ihrem Zimmer an; kaum aber hatte sie die Schwelle überschritten, so verließen sie ihre Kräfte und bewußtlos sank sie in Maschas Arme.

Rudin blieb inzwischen noch lange auf dem Damme. Endlich raffte er sich zusammen, schritt langsam dem Fußwege zu und ebenso auf demselben weiter. Er war tief beschämt … und erbittert. So etwas, dachte er, von einem achtzehnjährigen Mädchen! … Nein, ich kannte sie nicht … Ein außergewöhnliches Mädchen. Welch ein starker Wille! … Sie hat recht; sie ist einer anderen Liebe wert als der, die ich für sie fühlte … Fühlte? … fragte er sich selbst. Fühle ich denn keine Liebe mehr? Und mußte alles ein solches Ende nehmen! Wie erbärmlich, wie nichtig war ich im Vergleiche zu ihr!