Der einsichtsvolle Lehrer lobte auch den Schritt des Holzhauers und versprach ihm, geeignet gegen Karl einzuschreiten.
Zweites Kapitel.
Karls Strafe.
Karl, sprach der Kaufmann Daruff zu seinem Sohne, der gerade seine Bücher zurecht gelegt hatte und sich in die Schule begeben wollte, Karl, dein Onkel Heinrich hat aus London geschrieben und sich erkundigt, wie es mit dir steht; ich sage dir das, damit du mit mehr Eifer an deine Schularbeiten gehst, und dich hauptsächlich im Schreiben und Rechnen übst, überhaupt auch die Erdbeschreibung nicht vernachläßigst, denn dein Onkel Heinrich ist gesonnen, dich mit nächstem auf sein Comptoir zu nehmen, wo du dich mehr als in meinem Hause, besonders was die Wissenschaften, die einem Kaufmanne nothwendig sind, betrifft, ausbilden kannst. Lasse dir das gesagt seyn; auch dein Betragen mußt du ändern und, höre ich noch einmal von dir, daß du nach des Nachbars Hund geworfen hast, oder höre ich von der Magd im Hause, daß du die Katze verfolgst, oder sie, wie du schon mehrmals gethan hast, in die Thür einklemmst, so will ich es nicht an empfindlichen Strafen fehlen lassen. Es ist einmal Zeit, daß du dich besserst, und deine üble Gewohnheiten, Thiere bei allen Gelegenheiten zu necken oder zu quälen, ablegst. Du bist deshalb schon so oft von mir gewarnt worden, ich habe dich schon oft darüber betroffen und sogleich gestraft, daß ich täglich der Hoffnung seyn dürfte, du werdest jetzt in dich gehen und dich bessern. Ich will dir alles dieses nur bei Gelegenheit des Briefes deines Onkels in das Gedächtniß zurück rufen, damit du dich darnach richten kannst, denn mit vollem Ernste; besserst du dich nicht, so soll es mir nie einfallen, dich dem Kaufmannsstande näher zu bringen, ich thue dich dann ohne weiter zu einem Handwerker in die Lehre.
Karl hörte aufmerksam zu; er kannte die Güte, aber auch die Strenge seines Vaters und mit dem Vorsatze, den Ermahnungen seines Vaters nach zu kommen begab er sich in die Schule.
Seine Schwester Aurelie, die mehre Jahre älter und ein Bild aller Tugenden war, sah dem Bruder nach, und als dieser die Thüre hinter sich hatte, sprach sie zum Vater: Das weißt du noch nicht Vater, was Karl vorgestern in der Nähe des Wirthshauses zum halben Monde angestellt hatte?
Laß doch hören! entgegnete der Vater, gewiß wieder einen der vielen Streiche, die hinter meinem Rücken geschehen.
Dießmal, guter Vater, fuhr die Tochter fort, ist der Streich besser als gewöhnlich ausgefallen und der Wirth zum halben Monde, der noch ein junger Anfänger und dabei ein schlechter Pferdekenner ist, wurde durch denselben sichtlich vor Schaden bewahrt.
Schlome, der reiche Pferdhändler hielt nämlich mit einem Rappen vor dem Wirthshause, der Rappe gefiel dem Wirthe und er handelte um denselben. Eh noch der Handel abgeschlossen war, kam unser Karl des Weges; als er des Rappen ansichtig wurde, blieb er gleich stehen, wartete die Gelegenheit ab und als Schlome und der Wirth recht heftig im Gespräche begriffen waren näherte er sich dem Pferde und riß demselben mehre Haare aus dem Schweife, die er mir zu bringen gedachte. Ich habe es ihm jedesmal verwiesen, wenn er mir dergleichen Haare zu meinen Arbeiten brachte, und ihn nicht nur allein darauf aufmerksam gemacht, daß er sich der Gefahr, vom Hufe des Pferdes verletzt zu werden, aussetze, sondern daß er auch noch auf diese Weise das Thier quäle, doch umsonst, kaum sah er den Rappen, so riß er ihm wie gewöhnlich, wenn er eines Pferdes, das ruhig steht, ansichtig wird, Haare aus dem Schweife. Zwei andere Knaben sahen dieses, sie hätten auch gern Haare gehabt, getrauten sich aber nicht so nahe an das Pferd; da geht auf ihr Ersuchen Karl wiederholt hin und indem er versucht, einen etwas dickeren Strang Haare dem Pferde auszuraufen, da – welcher Schrecken! hält Karl auf einmal den ganzen Roßschweif in der Hand.
Er besinnt sich nicht lange, wirft den Roßschweif zu Boden und sucht sein Heil in der Flucht.
Dieser Vorfall machte vor dem Wirthshause viel Aufsehen; Schlome, der Pferdhändler aber suchte die Sache zu vertuschen, denn wie sich nachher herausstellte, so war der Schweif dem Pferde künstlich eingesetzt. Der Wirth war froh, daß er Handels nicht einig geworden war und Schlome verließ gleich darauf mit seinem Rappen die Stadt.