Es geht so im Leben; die Tochter wächst der Mutter über das Haupt. Görz ist eine Stadt geworden, Salcano ein Dorf geblieben. Die Ritterlichkeit ist vergangen, die Naturherrlichkeit geblieben; denn hinterhalb Salcano schäumt der prächtige, hellblaue Isonzo zwischen den steilen Halden des Monte Santo und einem mit verbogenen Schichten aufragenden Vorberg durch einen Engpaß, wie im Bündnerland der junge Rhein.
Wo man die Schlucht und den tosenden Bergstrom am schönsten überschaut, beginnt die Straße auf den Monte Santo. In einem Uferfelsen, zur Rechten des aufsteigenden Wanderers ist eine Gedenktafel zu Ehren ihres Erbauers, eines Herrn Joseph Koller, eingelassen, der sie in zierlichen, immer weiter gegen Süden als gegen Norden auslangenden Zickzacklinien sanft und sachte an der vegetationsarmen, klippigen Berglehne emporgezogen hat, so daß es eine wirkliche Kunststraße ist.
Der Monte Santo ist kein Riese. Er hat die mäßige Seehöhe von 645 Metern; aber sein breiter, wenig entwickelter Felsrücken ragt immerhin achtmal höher als der herrliche Campanile von Aquileja über die Tiefebene empor. Diese liegt bei Salcano erst 85 Meter über Meer und so ist er denn doch eine stattliche Bergerscheinung.
Es war bereits Nachmittag, als ich von Görz her an den Fuß des Berges gelangte. Nur der Vorsatz, das Isonzodefile zu sehen, hatte mich hieher geleitet; aber nun wurde der Bergfex in mir lebendig, und das hat mich nicht gereut.
Ich benützte nur zum kleinern Teil die bequeme Straße des Herrn Joseph Koller, sondern klomm die alten rauhen Pilgerpfade von Kapelle zu Kapelle höher hinan.
Die erste erhebt sich auf einer starken, nördlichen Gratsenke des Berges, von der aus man zugleich in den romantischen Talkessel von Salcano und in eine westliche Gebirgsmulde blickt, wo ein Slavendörfchen in steiniger Gebirgseinsamkeit liegt. Vor der zweiten lag ein Pilgrim auf den Knieen und betete seinen Rosenkranz. Es mußte ihn beleidigen, daß ich nicht das gleiche tat; denn er warf mir, als ich vorüberschritt, einen sehr zornmütigen Blick zu.
Das böse Auge des Mannes gab mir zu denken. Hinter seinem Beten und meinem Wandern lag ja eigentlich die nämliche Idee: Unser armes Sein ein Weilchen von uns ab in den Schoß einer guten, großen Mutter zu legen. Nur hatten wir unser Vertrauen zwei verschiedenen Müttern zugewandt; er der schmerzenreichen, die einen Gott gebar und dafür in den Himmel kam, ich der Natur, die aus Staub nur Staub geschaffen und auf der Erde hat bleiben müssen.
Ich dachte, ich stieg und kam zur letzten Kapelle. Da holte ich einen zweiten Wanderer ein, der lesend fürbaß ging. Als ich eben grüßend an ihm vorübergehen wollte, schaute er auf und rief mir ein lächelndes »Chi va piano, va sano« zu.
Das war der Anfang unserer Unterhaltung – und je länger ich mit ihm redete, desto merkwürdiger wurde mir der Mann; aber das Merkwürdigste an ihm war seine Lektüre: »Lienhard und Gertrud.«
Es tut immer wohl, wenn man die Schriftsteller der eigenen Nation von Fremden gelesen sieht; ich konnte meine freudige Überraschung nicht verbergen; sie zwang mich, dem kleinen, klug dreinblickenden Mann mit den Augengläsern zu sagen, daß der berühmte Verfasser des Buches mein Landsmann sei.