Da trat er einen Augenblick prüfend vor mich hin. »Sie sind Schweizer!« sagte er und ergriff meine beiden Hände. »Jetzt lasse ich Sie nicht gleich wieder los. Bitte erzählen Sie mir von Ihrem schönen Land, seinen herrlichen Bergen, seinem glücklichen Volk, seinen freien Institutionen.«
Die Begeisterung des slavischen Lehrers nötigte mir ein Lächeln ab; aber ich fühlte, daß ein Ernst hinter seinen Worten liege, und wer plaudert nicht gern vom Heimatland? Plaudernd kamen wir auf den Gipfel, zu dem weitläufigen ehemaligen Franziskanerkloster, setzten uns vor der Pilgerherberge zum Abendtrunk und schauten aus auf das im Nachmittagsschein vor uns liegende Land, die Berge und das ferne Meer.
Der Monte Santo ist ein südösterreichischer Rigi. Wunderhübsch ist der Blick auf die Stadt Görz und den hinter ihr liegenden Coglio, ein reizendes Hügelland, auf dessen Höhen weißschimmernde Kirchen und Dörfer stehen. Darüberhin ragt im fernsten Osten der Krainer Schneeberg, der zwar keinen Firn und keinen Gletscher, aber doch bis weit in den Sommer hinein eine glitzernde Schneekrone trägt. Von ihm aus ziehen sich in weiten Rundbogen, über die tannendunkeln Höhen des Birnbaumer- und Tarnovanerwaldes aufgebaut, die zerrissenen Gebirgsmauern und Kalkzinken der julischen und karnischen Alpen gegen Nordwesten. Aus dem Chaos der Spitzen hebt sich östlich der wildabstürzende Nanos, im Norden der Triglav, der scharfgezeichnete Krn, und, durch das tief eingeschnittene Isonzotal davon getrennt, der Monte Canin, der massige Rücken des Monte Matajur und dahinter eine Menge fernblauender Häupter, die den italienischen oder gar den tirolischen Alpen angehören.
Dann weichen die Gebirge weit zurück und der Blick taucht in die venetianische Tiefebene. Im Süden dämmern der Campanile von Aquileja, die Lagune von Grado und der bleiche Schimmer der offenen See, im Südosten der Golf von Monfalcone, jenseits desselben eine matte Helle, die Stadt Triest, ein dunkler Wall, der Küstenhang von Istrien, der sanft im Horizont erstirbt.
Wer daheim an jedem schönen Tag die Hochalpen vor Augen hat, der weiß mit den Kalkalpen nicht viel anzufangen. Ich schilderte meinem Slaven einen Morgen auf der Wengernalp, den Blick auf Jungfrau und Silberhorn, den steten Fall der Lawinen, die vor dem Beobachter donnernd ins Trümmletental niederstäuben. Da fing der gute Mensch an zu seufzen: »O nur einmal, einmal in die Schweiz! Allein es ist unmöglich.«
Er malte mir Grau in Grau ein Bild des Lehrerlebens in einem slavischen Dörfchen, die Armut bei einer Besoldung von 200 Gulden im Anfang und bei einer wenig größern in den spätern Jahren, die Schulfeindlichkeit der Grundbesitzer, das Vorurteil der Bauern gegen den Lehrer und ihren tiefen Haß gegen den Schulzwang, die Laxheit der Behörden in der Durchführung der Gesetze: kurz die ganze Leidensgeschichte eines Streiters für die Bildung an einem Ort, wo er der einzige ist, der dafür kämpft.
»Ich bin«, sagte er, »keiner der ärmsten, denn ich habe meinen allerdings kleinen Einkünften etwas väterliches Vermögen zuzusetzen; aber für eine Schweizerreise …« Er starrte melancholisch vor sich hin.
Wir waren bereits zu lange gesessen; ich stand auf und wollte von dem Lehrer Abschied nehmen.
»So wollen wir nicht scheiden, mein Herr«, sagte er; »ich dachte mir zwar auf dem Monte Santo zu bleiben, allein ich werde Sie ein Stück Weges begleiten.«
Meine Bitte, sich nicht zu bemühen, war erfolglos. Wir schritten wie zwei alte Freunde plaudernd bergabwärts. Da begegnete uns jener hohe, hagere Pilgersmann, den ich vor der untersten Kapelle hatte knieen sehen und der, Gebete vor sich hinmurmelnd, hinkend bergaufwärts ging.