»Wissen Sie, warum der arme Mann so schlecht geht?« fragte mein Begleiter. »Die Pilgrime, die auf den Monte Santo wallfahren, pflegen in ihre Schuhe einzelne Bohnen zu legen, die beim Gehen große Schmerzen verursachen. Sie glauben dann von der Gottesmutter eher erhört zu werden.«

Als ich das vernahm, hatte ich dem Pilger seinen bösen Blick schon verziehen.

Bei der untersten Kapelle schied ich von dem slavischen Lehrer. »Lienhard und Gertrud«, sagte er, »ist eines der wenigen deutschen Bücher, die ich besitze; aber ich werde nie darauf zurückkommen, ohne mit lebhaftem Vergnügen mich der schönen Stunde zu erinnern, die mir an Ihrer Seite beschieden war. Grüßen Sie mir die Schweiz!«

Er wandte sich gebirgseinwärts, ich auswärts. Der nächste Augenblick hatte den einen dem Blick des andern entzogen.

Als ich wieder in Salcano ankam, lag der Abendsonnenschein auf den Klostermauern von Monte Santo. Unterhalb der Ortschaft steigt man auf hohem, steilem Uferbord zu einer Fähre des Isonzo hinab. Da ließ ich mich über den herrlichen, hellblauen Fluß ans rechte Ufer hinüberstoßen.

Ein braunes, italienisches Mädchen saß mit mir im Kahn und wies mir den Weg hinauf nach dem Schlosse San Mauro, das als hübsche Villa über dem waldigen Ufer steht. Es war ein genußreiches Wandern durch jungbelaubten Buchenwald, als ich im Abendschein, hoch über dem Fluß, an einem Slavendörfchen vorbei, talabwärts schritt. Das Wellenspiel des Isonzo, der hier in einem tiefen Bette strömt, mahnte mich an den Rhein unterhalb seines Falles.

Eine Brücke führt in der Nähe von Görz darüber hin. Im Dunkel des Abends schritt ich darüber; ich dachte an den Pilger mit den Bohnen in den Schuhen, an den slavischen Lehrer, an mein Heimatland, ich dachte an so vieles; wer wollte gedankenlos wandern zur Frühlingszeit!

Man hat – ich kehre hier zu jener ersten Wagentour, die wir nach Görz unternommen, zurück – die interessanten Gebäude der Stadt bald gesehen, und der Liebreiz ihrer Gärten prägt sich rasch in den Sinn des Wanderers. Wir verließen es also am Spätnachmittag und fuhren hinaus gegen den langen, prächtigen Viadukt, mit dem die Linie Venedig-Triest das Tal des Isonzo überspannt. Jenseits desselben gelangten wir über den Fluß in die offene venetianische Tiefebene hinaus, zu der die Landschaft von Görz sich wie eine hügelumschlossene Bucht verhält.