Am Ausgang dieses Tieflandwinkels liegt die Ortschaft Mainizza. Hier stießen im Jahr 489 die beiden gewaltigen Recken der deutschen Heldensage, der Herulerfürst Odoaker, der den letzten der römischen Schattenkönige, den Romulus Augustulus, vom weströmischen Kaiserthrone verjagt und selbst die Zügel des verrotteten Reiches ergriffen hatte, und der Ostgotenkönig Theodorich in furchtbarer Schlacht zusammen. Hier war es, wo der Stern des ersten germanischen Kaisers auf römischem Thron ins Sinken kam. Im folgenden Jahr wurde er an der Adda wieder geschlagen, im Jahre 493 von Theodorich in Ravenna belagert und zuletzt durch dessen eigene Hand niedergestoßen.
Gegenüber Mainizza grüßt wieder das prächtige Schloß Rubbia mit blühendem Park, und zwischen beiden fällt die schleichende, trübe Wippach in den lichten Isonzo.
Eine undurchdringliche Staubwolke lag stets hinter unserm Wagen; denn im Brand der italienischen Sonne hatten sich die furlanischen Straßen handtief in Staub aufgelöst, der das Wandern der Fußgänger unerträglich machte. Im Wagen litten wir weniger davon, und die Fahrt längs der letzten Karstausläufer bis zu dem Städtchen Gradiska war in der Abendkühle ein hoher Genuß.
Dieses Städtchen, das im Jahr 1473 von den Venetianern zum Schutz gegen die Türken gegründet wurde, war von der Mitte des siebzehnten bis in den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hinein der Sitz einer kleinen Grafschaft. Jetzt ist sie mit derjenigen von Görz unter dem Namen der »gefürsteten Grafschaft Görz und Gradiska« zu einem selbständigen Kronland der österreichischen Monarchie vereinigt, das in Görz seinen Landtag hat.
Im Osten des Städtchens, das aus wenigen Häuserreihen besteht und nur 1500 Einwohner zählt, sind noch achtunggebietende Reste der venetianischen Festungswerke, eine düstere Stadtmauer mit zwei ungemein festen Bastionen und einem dunkeln, engen Tor. Die früher davor liegenden Außenwerke sind im Laufe dieses Jahrhunderts einem ungewöhnlich großen, öffentlichen Platze gewichen, der mit seinem angenehmen Kastanienschatten und seiner hübschen Rotunde nicht nur dem kleinen Gradiska, sondern mancher größern Stadt wohl anstehen würde.
Auf der andern Seite des Städtchens steht hart am Isonzo ein großes, weithin sichtbares Gebäude, das zu einer Strafanstalt für schwere Verbrecher umgebaute Schloß, dessen jetzigen Insassen wenigstens ein Schönes von der Welt geblieben ist: ein entzückender Blick ins südösterreichische und italienische Gebirge.
An den hübschen Villen im Norden des Städtchens vorbei fuhren wir längs des Isonzo dem schlanken, zierlichen Campanile von Villesse entgegen; allein ehe wir ihn erreichten, bog der Weg wieder über den Isonzo. Er ist hier lange nicht mehr der hübsche Fluß wie beim Austritt aus dem Gebirge. In einem wohl fünfmal breitern Becken als jenem bei der Fähre von Salcano wirft er sich zwischen vielen Kiesbänken bald ans eine, bald ans andere Ufer und reißt den Ebenenbewohnern zur Linken und Rechten die besten Humusgründe weg.
Er hat deswegen bei seinen Anwohnern einen übeln Ruf; allein was fragt er darnach, denn er hat seinen Plan. Mit all den Erdpartikeln aus dem Gebirge und der Ebene will er sich eine Brücke mitten durch den Golf von Monfalcone nach dem wunderschönen Schloß von Miramare hinüberbauen.
Vielleicht ist's ein Jugendtraum, vielleicht ist's mehr. Der Isonzo kann noch etwas leisten; denn wie ich früher ausgeführt habe, ist er ein Kind gegenüber den uralten Strömen des übrigen Europa und der jüngste Fluß unseres Kontinents. Eine lange Holzbrücke führt nach Sagrado, einem freundlichen Dorf, das eine große Gerberei und viele Landhäuser mit lauschigen Gärten hat.