Dreitausend Kolonisten bebauten den ager colonicus um sie her; die Kelten und Illyrier sahen aus achtungsvoller Entfernung zu und in langer Friedenszeit gedieh die Stadt herrlich empor. Als Augustulus seine ganze Herrscherhuld auf das blühende Gemeinwesen ausgoß, als er an das alte Aquileja ein neues, prächtiges fügte, in dessen Kranz stolzer Monumentalbauten der stolzeste Palast sein eigener war, den er mit der schönen Livia bewohnte, da war der Stadt ein liebliches Los gefallen.
Großartige Bauten schmückten sie, und ein reiches Bürgergeschlecht erging sich in der Kühle aufrauschender Brunnen oder im Anblick reizender Marmorbilder, die auf Kapitol und Forum standen. In schimmernden Tempelhallen wachten die vestalischen Jungfrauen am ewigen Feuer, opferte das Volk dem Jupiter tonans und Ceres, der gütigen Göttin; das höchste Ansehen aber genoß Apollo Belenus, der gewaltige Sonnengott, dem die Stadt gewidmet war. Mit hochragenden Standarten zogen im Jubel der Fanfaren Kohorten und Legionen aus den weitläufigen Kasernen nach den fernen, nordischen Standquartieren oder schifften sich auf der Flotte, deren Mastenwerk vom Meer zur Stadt herübergrüßte, nach dem blühenden Osten ein; denn Aquileja war vor allem eine Militärstadt, ein mit Mauern und Türmen befestigtes Bollwerk und Ausfalltor gegen die im Osten und Norden drohenden Barbaren, ein Schlüssel des römischen Reichs.
Hinter den siegreichen, römischen Legionen her zogen die Kaufmannskarawanen, zwar nicht der Römer – denn diese hielten bekanntermaßen den Handel unter ihrer Würde – aber diejenigen unternehmender Griechen und Orientalen, die in Aquileja ihre Niederlagen hatten, und dem Norden Europas die Erzeugnisse des Morgenlandes vermittelten. So war Aquileja im Altertum die Königin der Adria, eine Metropole des Welthandels, wie es ihr Kind, das prunkende Venedig, im Mittelalter wurde. An ihrem Strand entfaltete sich der Schiffsbau, in ihren Mauern die Waffenfabrikation, die Leinen- und Wollindustrie, die Purpurfärberei, welche die Gewänder der Könige und Kaiser lieferte, die Glasfabrikation und die mannigfaltigen Zweige des antiken Kunstgewerbes.
Als Aquileja unter den Kaisern Trajan und Hadrian den Zenith seiner Machtfülle erreichte, war es eine der neun größten Städte des Römerreichs und unter den neun – die Hauptstadt ausgenommen – die reichste, so daß die Dichter und Schriftsteller jener Zeit mit den Ausdrücken höchster Bewunderung von ihrer Schönheit reden. Da soll es gegen eine halbe Million Einwohner gezählt und die aus dem Grün der Laubkronen schimmernden Villen der Vornehmen es stundenweit umgeben haben.
Die nationale Toga der Römer und die Palla der Römerin trat in dem antiken Emporium der Adria vor der Menge fremdländischer Trachten zurück; denn alle reichen Grundeigentümer und Kaufleute aus Kleinasien und Nordafrika strömten nach der Eroberung jener Länder durch die Römer nach Aquileja. Denkt man sich nun die Kontingente germanischer, gallischer und illyrischer Soldaten dazu, die sich durch den prunkenden Adel, die geschäftige Handelswelt und das Proletariat bewegten, so haben wir ein anziehendes Bild seines Menschengemenges, das von allen Enden der damaligen Welt zusammengewürfelt war. Jeder fand in Aquileja seine Rechnung, der Marktschreier und der Müßiggänger, der Schauspieler und der Gladiator, der Lustigmacher und der Schmarotzer, und der heitere Epikuräismus der Kaiserzeit bot in Theater, Amphitheater und Zirkus den raffiniertesten sinnlichen Genuß, in marmornen Bädern die Liebe und in kühlen, rebenumgrünten Tabernen den Wein.
Allein an Zeitläufen, wo die Bacchanalien und die laute Freude eines in seinem Reichtum schwelgenden Volkes im Ernst der Ereignisse unterging, hat es auch in Aquileja nicht gefehlt. Wenn es auch in den ersten drei Jahrhunderten seines Bestehens das Glück eines steten, tiefen Friedens genoß, so ist doch außer Rom keine Stadt so oft durch Krieg, Plünderung, Raub und Mord heimgesucht worden wie Aquileja, die östliche Feste des Reichs.
Zum erstenmal wurde es im Jahr 172 von den Markomannen und Quaden bedroht, deren Macht sich indessen wirkungslos an der Festigkeit seiner Mauern brach. Im Jahr 237 erfuhr es durch den Tribun Maximinus eine Belagerung großen Stils. Er war wegen seiner Härte und Grausamkeit vom römischen Volke als Kaiser abgelehnt worden und umzingelte nun die Stadt in wildem Ingrimm mit einem furchtbaren Heer. Sie ging siegreich und mit dem Ruhm einer Retterin Italiens aus dieser Prüfung hervor. Vom Jahr 340, wo sie im Kriege, den die Söhne Constantius des Großen gegeneinander führten, eine Belagerung glücklich bestand, folgten sich die Umzingelungen fast Schlag auf Schlag. Schon 361 lag Julianus, der Apostat, der sich gegen Constantius empört, mit einem Heer vor ihren Mauern, 383 und 384 kämpfte Theodosius auf ihrem ager colonicus seine Kriege gegen K. Maximus und den Usurpator Johannes, im Jahr 400 wurde sie von Alarich, 406 von Radagais, 408 von den Vandalen geplündert.
Wohl waren das herbe Prüfungen für den Wohlstand Aquilejas; aber seine Fundamente erschütterten sie nicht, und der aquilejensische Adler stieg immer wieder kraftvoll aus den Schreckensjahren auf.
Da kam – fast wie ein Blitz aus heiterm Himmel – sein Untergang. Es war im Sommer des Jahres 452, als Attila »Godegisel« aus Pannonien her seine Hunnenhorden gegen Aquileja wälzte. Es fand unter seinem tapfern Oberbefehlshaber Cajus Menapius kaum Zeit, seine Festungswerke auszubessern, und das Landvolk der Umgebung floh entsetzt ins Gebirge und auf die nahen Lagunen. Drei Monate dauerte die Belagerung, ohne daß für die Belagerer ein Erfolg abzusehen war.