»Da wurden die Hunnen sturmmüd und wollten endlich fort,
Doch Attila, ihr König, ritt um die Mauern dort. –
Da rief er seinem Heere: Schaut zu den Giebeln dort,
Von allen Genisten ziehen die weißen Störche fort.
Sie wissen, wie bald in Flammen hinuntersinkt die Stadt,
Drum auf zum neuen Sturme, wer Händ' und Füße hat.
Da flogen die Feuerpfeile, da rannten die Widder an.
Und von den Mauern stürzten die Trümmer nicht dann und wann,
Nein, immer! Vom Hunnensturme wankte die ganze Stadt
Als wie ein Schiff im Meere, das keine Segel hat.
Aquileja, Aquileja wurde so berannt,
Daß man nichts als die Stätte und nicht die Stätte fand!«

A. Kopisch.

Die frische, tauige Morgenfrühe, die schönste Tagesstunde des sonnenreichen Südens, lag über den unabsehbar weiten Campagnen des Friauls, und die Laubkronen nah und fern wogten, ein Meer von Grün, im leichten Wind. Wiehernd holten die beiden feurigen Pferde aus; wir flogen leicht und rasch, eine kleine Gesellschaft, dem großen Römerkirchhof Aquileja entgegen, wo die gewaltige Stadt mit ihren sechs Jahrhunderten römischen Kulturlebens, ihr reiches, übermütiges Volk ohne Zukunft und ohne Auferstehung verscharrt im Sand der Tiefebene liegt.

Man berechnet den Weg von Monfalcone nach Aquileja zu vier bis fünf Gehstunden; unsere Pferde legten ihn in der halben Zeit zurück.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus; die Nähe einer großen Stadt fühlt der Wanderer, lange ehe er ihre Türme und Kuppeln sieht; daß aber auch eine tote, verscharrte fast anderthalb Jahrtausende nach ihrem Untergang noch mit den letzten Resten alter Lebensfasern stundenweit über ihr ehemaliges Weichbild hinausgreifen würde, hätte ich nicht gedacht.

Allein sobald man jenseits des Isonzo kommt, spürt man die Nähe Aquilejas deutlich. Sowohl in den schattigen Parks einiger Villenpaläste als an den halbzerfallenen Pächterhütten, die an der Straße stehen, begegnet der Blick den seltsamen Fundstücken aus der römischen Stadt. Basaltsäulen stehen an monumentalen Toreingängen, zierliche Aschenkrüge in den Rosenbeeten; nickende Faune und weibliche Götterbilder an den Parkwegen, Tritonen und Nimphenstatuen an den Teichen. Marmorfriese sind als Schmuck in die Mauern der Colonenhütten eingelassen; Inschriftenblöcke liegen als Ruhebänke neben den Türen, Grabvasen, die vielleicht einst den Staub einer edeln Römerin geborgen, sind zu Futterbecken des Geflügels geworden; überall begegnet man jenen roten tönernen Urnen, die auf dem ehemaligen Grund der Stadt zu Tausenden und Tausenden gefunden werden.

Man kann dem römischen Altertum keine größere Ehrerbietung erweisen, als diejenige, daß man mit seinen Reliquien den Palast und die Hütte der Gegenwart schmückt.

Immer mächtiger steigt der herrliche Campanile von Aquileja aus grüner Flur, und immer gewaltiger löst er sich aus der Bläue des südlichen Horizonts. Wir sind in Fiumecello, fünf Minuten später in Monastero, im Bereich des alten Aquileja!

Halten muß hier Roß und Rad; nicht bloß deswegen weil Monastero eine der ausgiebigsten Fundstätten römischer Altertümer ist und nicht deswegen, weil hier das Vollendetste, was das römische Aquileja an Architektur besaß, das Hadrianeum stand, sondern weil Monastero ein Landgut ist, wie es im Friaul nicht zweie gibt, eine agrikolare Musteranstalt des neunzehnten Jahrhunderts auf dem klassischen Boden des Altertums. Es gehört den Herren von Ritter, den Fabrikanten in Görz.

Schon der weite Hofraum des reichen Herrensitzes ist nicht ganz gewöhnlich, denn längs des Wohnhauses wie der Ökonomiegebäude, die ihn einrahmen, ist eine antiquarische Ausstellung, hinter der manches große, nordische Museum zurückbleibt. Sie enthält zwar nur die rudimentärsten der Fundstücke von Monastero: zerbrochene Säulenstümpfe, jonische, dorische, etruskische und korinthische Kapitäle, Inschriftenblöcke, Sarkophage, Urnen und Marmortorsen. Das Beste der aus dem Grund von Monastero aufgepflügten Reste, die herrliche von Rittersche Sammlung, ist leihweise an das Museum zu Aquileja übergegangen.