Ein Aufseher des Landgutes hatte die Freundlichkeit, uns die andere ebenso große Sehenswürdigkeit der Villeggiatur – ihre Ställe – zu zeigen.
Ein Viehstall in Monastero ist gegen viele tausend menschliche Wohnungen im Friaul ein Palast, und wären nicht die schönen Tiere, deren zu einem Hundert dort stehen, der Hauptschmuck der hallenartigen Gebäude, dann würde es ihre Reinlichkeit sein.
Besonders hübsch ist der Kuhstall, wo das Vieh in zwei Reihen die breitgestirnten Köpfe gegen einander kehrt. Man sieht im Berneroberland keine schönern Tiere, als wenn man auf einer bequemen Rampe längs der prachtvoll gehörnten Köpfe des hellfarbigen Ungarviehs oder der gefleckten Emmentalerkühe dahinwandert. Hinter jedem der Tiere hängt eine Tafel an der Wand, aus der nicht nur der Zivilstand desselben, sondern auch der tägliche Milchertrag notiert ist. Sinkt bei einem Tier der letztere unter ein gewisses Minimum, dann ist's seinem Los verfallen; es wandert hinüber in den Schlachtviehstall, wo bereits eine stattliche Schar schwerster Mastochsen und rundlicher Kühe sich behaglich den Tod anfüttern.
Ein flüchtiger Blick noch in den Pferdestall, wo neben den großknochigen Ackertieren die edelsten Ganzhufer des Friauls stehen, schlanke, feurige Tiere; ein Blick noch in die dem Landgut zugehörende Mühle, wo eintönig die Reisstampfen klopfen – und fort geht's von Monastero.
Aquileja, das moderne Aquileja ist nah, und neben dem Campanile wächst bereits der ehrwürdige Patriarchendom aus der Campagna. Da fahren wir, da sind wir, allein das Aquileja unserer Tage, das ungefähr 1750 Einwohner zählt, hat vor jedem andern furlanischen Nest nichts voraus als seinen herrlichen Dom und daß es ungefähr den Ort bezeichnet, wo die marmorschimmernde, römische Stadt gestanden, von welcher der Dichter Aug. Kopisch in seinen wuchtigen, knorrigen Nibelungenversen so treffend sagt,
»Man nichts als die Stätte und nicht die Stätte –«
findet.
Es ist poetisch schwungvoll, daß er diese Tatsache in unmittelbare Beziehung zum Hunnensturme setzt; allein die Geschichte ist grausamer als die Dichtung. Wohl hat jene entsetzliche Zerstörung, in der 37 000 Menschen das Leben verloren, jener langandauernde, an den Untergang Karthagos erinnernde Brand, dem Attila vom Kastellhügel zu Udine bewundernd zugesehen haben soll, das römische Aquileja tödlich getroffen. Allein eine so gewaltige Stadt stirbt auch im wildesten Völkertumult nicht auf einen Schlag und der Todeskampf der altadriatischen Königin hat Jahrhunderte, hat ein Jahrtausend gedauert; ja sie hat – der ehrwürdige Dom ist das beredteste Zeugnis dafür – eine Periode gezeitigt, die einem halben Wiederaufleben glich.
Der Fall Aquilejas war eine Katastrophe. Sie kam und war zu Ende. Als die Trümmer der unglücklichen Stadt noch rauchten, wälzten sich die asiatischen Horden bereits von dannen; auf den Lagunen des venetianischen Südens aber lebten noch Tausende ehemaliger Bewohner, Frauen, Kinder und Priester und wohl auch noch beträchtliche Scharen wehrhafter Männer, die sich im allgemeinen Sturm zum rettenden Meere durchgeschlagen hatten.
Als nach Tagen, Wochen, Monaten des Zitterns und Zagens und des allgemeinen Schreckens wieder etwas vom alten Lebensmut in die auf den Inseln zerstreuten Aquilejenserhaufen kam, Trüpplein um Trüpplein sich wieder aufs Festland hinüberwagte, da mag sich auf den Trümmern der alten, schönen Heimat manch eine rührende Wiedersehensszene, wo Totgeglaubte auferstanden, zugetragen haben.