In diese furchtbar ernsten Tage der Sammlung hat der Humor der Geschichte eines seiner heitersten Stücklein geflochten, die Erzählung von den ungetreuen Frauen Aquilejas, die, ihre Männer erschlagen wähnend, so rasch eine zweite Ehe eingingen, daß manche der Aquilejenser bei ihrer Rückkehr die Frauen im Haus eines neuen Gatten fanden. Die Verzweiflung war groß, denn die Treulosen weigerten sich, ihre erste Ehe zu Recht zu erkennen. Da wandten sich die Männer an den heiligen Vater zu Rom, und kraft seines Amtes zu binden und zu lösen, erklärte er die zweite Ehe der aquilejensischen Frauen für nichtig.

Langsam bevölkerte sich Aquileja wieder und ein halbes Jahrhundert nach seinem Fall fristete es wieder ein ziemlich behagliches Dasein. Noch ein halb Jahrhundert später wurde es unter Narses, dem griechischen Reichsvikar, wieder eine Festung, über die, ehe das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung voll wurde, wieder ein Dutzend Plünderungen ergingen.

Allein weder die Hunnen, noch die Germanen und Slaven, welche es später bedrängten, waren die grausamsten Feinde der zwischen Leben und Tod ringenden Stadt. Das war das werdende Venedig!

In jenen Zeiten unmittelbar nach dem Untergang Aquilejas, wo der Völkersturm in den wildesten Stößen von den Alpen zum Meer niederbrauste, wagte es nur ein kleinerer Teil der Lagunenflüchtlinge dauernd in die Stadt zurückzukehren. Die meisten blieben auf der südvenetischen Inselgruppe und gründeten hier eine Reihe kleiner, demokratischer Gemeinwesen. Unter diesen erwies sich dasjenige auf den drei größten Inseln, dem Rialto, Malamocco und Torcello, besonders lebenskräftig. Aus ihm entstand im Anfang des neunten Jahrhunderts Venedig, die Tochter Aquilejas.

Diese Tochter, die nachmals im Schmuck ihrer Paläste so wunderherrlich prangte, hat ihre Mutter bei noch halblebendigem Leibe beerbt und ist zur Hyäne des Schlachtfeldes von Aquileja geworden!

Zwar hatten schon nach dem Untergang der Stadt die Lagunenbewohner angefangen, mit ihren Barken die kostbaren architektonischen Reste nach den neuen Niederlassungen überzuführen; aber erst die Dogenresidenz, die hartherzige, eigensüchtige wagte es so recht, Hand an die Mutterstadt zu legen, sie im vollsten Sinn des Worts als Steinbruch für ihre Markuskirche, für alle jene Bauten, mit denen Venedig heut noch den Fremden entzückt, auszubeuten. Damit hatte sie das böse Beispiel für alle Städte im venetischen Land gegeben, so daß der heilige Paulin in einem lateinischen Liede klagt, Aquileja werde in alle umgebenden Länder verkauft; selbst die Toten hätten nicht Ruhe und würden ausgeworfen wegen des Schachers mit Marmor.

Dadurch ist es begreiflich, daß von dem ganzen großen, marmorprunkenden Aquileja kein Turm und kein Tor, von seinen Amphitheatern, Theatern, Tempeln und Villen auch nicht eine Ruine auf uns gekommen, kein Stein auf dem andern geblieben ist und daß dasjenige, was man über die Topographie des alten Aquileja Sicheres weiß, verschwindet vor den weiten Gebieten, über welche die Vermutung und die Phantasie ihre Flügel schlägt.

Obgleich sich schon vierzehn Jahrhunderte in den Gräberraub von Aquileja teilen, ist die Stätte noch nicht erschöpft. Manches haben die ehemaligen Bewohner vor dem Zusammenbruch der Stadt, manches hat die Natur selbst in furchtbaren Überschwemmungskatastrophen in den Schoß der Erde geborgen, und nur zögernd aufersteht vor dem Stoße der Pflugschar die Antike.

Allein sie aufersteht! Die Obelisken mit ihren ägyptischen Hieroglyphen, die riesenhaften Götter- und Kaiserstatuen, die Säulen aus parischem und numidischem Marmor richten sich wieder auf; aus den bildgezierten Sarkophagen stäubt die Asche in die Luft; die Mosaikböden glänzen wieder im Schmuck ihrer farbigen Steine; aus den Topfscherben rollen die Münzen mit ihren Kaiserbildnissen; das Kind des furlanischen Bauers spielt arglos mit den Geheimnissen des antiken Frauengemachs, oder schmückt sich einen Augenblick mit dem silbernen oder goldenen Geschmeid der Römerin.