Aquileja ist ein anderes Pompeji, nur mit dem Unterschied, daß hier systematische Grabungen erst sehr spät gemacht worden sind, daß es meist dem Zufall und dem aquilejensischen Bauer vorbehalten blieb, die Steine, »welche redend zeugen«, aus dem Schutt der Jahrhunderte zu ziehen.
Manche der Funde verdankt man wohl der anmutigen Sage vom pozzo d'oro, dem Goldbrunnen.
»Lange bevor Aquileja unterging«, – so lebt sich im Friaul die Erzählung fort, – »haben gottbegnadete Seher die Zerstörung der Stadt in ihren Weisssagungen verkündet. Da ließen die Väter der Stadt, die Wucht des Schicksals zu mildern, einen ungemein tiefen, verschließbaren Brunnen bauen. Sie bestellten zwei ihrer Angesehensten zu Schlüßlern desselben und verordneten, daß jeder Bürger Aquilejas von seinem Reichtum einen Teil in die Tiefe des Schachtes werfe, damit dereinst, wenn das Verhängnis hereinbreche, ein Fonds zum Wiederaufbau der Stadt vorhanden sei. In edelm Wetteifer gaben die Einwohner ihr Bestes hin, was sie zu Hause an Edelsteinen und Perlen, an Gold und Silber besaßen, um den Schatz im Goldbrunnen zu mehren. Glückliche Eltern brachten bei der Geburt eines Knaben ihre Weihegeschenke; liebende Paare widmeten, ehe sie vor den Altar traten, die Geschmeide ihrer Jugendzeit, Gewissensbeladene schenkten reiche Sühnopfer, Sterbende einen Teil ihres Vermögens der Brunnenstiftung. So häufte sich im Schacht ein unermeßlicher Reichtum, der zum Bau eines neuen herrlichen Aquileja vollauf genügt hätte. Im Vertrauen darauf sahen die Bürger dem lang dräuenden Verhängnis ruhiger entgegen. Allein als dieses kam, da wurden die Schlüßler von den stürzenden Stadtmauern erschlagen und die Stadt so verwüstet, daß selbst die Überlebenden die Stelle, wo der Goldbrunnen gewesen, nicht mehr erkannten. Darum konnte Aquileja nicht wieder aufgebaut werden. Der Brunnen ist verschollen; noch niemand hat ihn entdeckt.«
So sehr hat sich diese Sage ins furlanische Volk eingelebt, daß die Grundbesitzer in der Gegend von Aquileja bis in die neueste Zeit hinein es nie unterließen, sich beim Verkauf eines Landstückes durch die Klausel des pozzo d'oro das Anrecht auf den Schatz im Goldbrunnen zu sichern, wenn dieser zufällig im veräußerten Grunde entdeckt werden sollte.
Wie über den Ausgrabungen, so hat auch über dem Schicksal der Fundgegenstände der Zufall, fast möchte ich sagen der gleiche Fluch gewaltet, der im Mittelalter die oberirdischen Baudenkmäler Aquilejas in alle vier Winde verschleuderte. Wollte man zu einigen der Statuen, deren Torsen in Aquileja liegen, die ergänzenden Glieder zusammenbringen, so müßte man den einen Arm im Mauerwerk einer furlanischen Hütte, den andern in einem Palaste Venedigs, die Hand in der Raritätenkammer eines englischen Schlosses, den Fuß in irgend einer archäologischen Sammlung Frankreichs suchen, während die übrigen Reste selbst in ihren kleinsten Teilen nirgends mehr zu finden wären, da sie zu Mörtelkalk verbrannt worden sind. Wie reich aber auch jetzt noch die Funde in Aquileja sind, mag die eine Tatsache verdeutlichen, daß Kenner einzig die Anzahl der geschnittenen Edelsteine, die im Laufe des 19. Jahrhunderts dort gefunden wurden, auf zehntausend Stücke schätzen, daß jetzt noch Jahr für Jahr zwanzig und mehr Inschriftentafeln, Hunderte von Graburnen und Glasgefäßen, Kannen, kleine Bronzen, Bein- und Bernsteinfiguren, Terracottasächelchen und ganze Reihen von Skulpturen ohne systematische Nachgrabungen aus der Erde gehoben werden und daß der Fremde sich jetzt noch für wenige Gulden eine hübsche Sammlung antiker Münzen, Bronzen und Töpferprodukte erwerben kann.
Der erste Sammler aquilejensischer Altertümer war Joh. Dom. Bertoli, der im letzten Viertel des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Domherr zu Aquileja lebte. Seither hat es immer einsichtige Privaten gegeben, welche die ausgegrabenen Marmorbilder, wenn es möglich war, ihrem gewöhnlichen Schicksal, zu Mauersteinen zerschlagen oder zu Kalk verbrannt zu werden, entzogen.
Immer war die Möglichkeit nicht da. Kein moderner Palast ist aus kostbarerem Material gebaut als manche der elenden Pächterhütten in Aquileja; allein weitaus das grellste Bild aus dem Kapitel bäuerlicher Barbarei ist der Stall eines Signore Moschettini. Ein solcher steht wohl in der ganzen, weiten Welt nicht mehr, und an Originalität kann sich kein Antikenmuseum der Erde mit ihm messen.
Seine Mauern samt und sonders sind aus einem Trümmerchaos von Statuen, Säulen, Gedenk- und Inschriftentafeln, Sarkophagen und Mosaikböden aufgebaut. Götterköpfe, Aphroditenleiber, Füße und Hände von Marmor, Säulenkapitäle, Kolumbarien sind zu diesem Zweck in handliche Stücke zerschlagen, vermauert und nach außen mit altchristlichen Grabsteinen, Inschriftenplatten, Aschenbehältern, Kaiserbildern, Medusenhäuptern und Büsten von Göttinnen belegt worden. Selbst das arme Hirn eines Geisteskranken könnte nicht so tollen Widersinn erdenken, wie an diesem Gebäude der Mörtel zusammenleimt. Es könnte einen Hypochonder zum Lachen bringen, einen Kunstschwärmer in Verzweiflung treiben, dieses zu Kraut und Rüben gemengte, zerschlagene Aquileja des marmornen Stalls! Zum Glück hat Aquileja nur einen Moschettini von solch genial barbarischem Geschmack besessen.
Spät kam der Staat, um im Interesse der Archäologie seine schützende Hand über die Antiken Aquilejas zu legen; allein er kam. Im Herbst 1882 wurde in dem kleinen Ort feierlich ein Staatsmuseum eingeweiht und in einem zweckmäßig gebauten, geräumigen Haus untergebracht. Indes wären seine Schätze noch wenig bedeutend, hätten nicht die Gemeinde, die im Jahre 1873 zu sammeln begann, und die Gebrüder von Ritter in Monastero ihre hübschen Sammlungen leihweise dem öffentlichen Museum überlassen, so daß dieses jetzt dem Fremden ein lebendiges Bild von der Kunstfülle des römischen Aquileja zu geben vermag.
Der weite, gegen die Straße liegende Hof des Museums, in welchem die kolossalsten der Monumente ihre Aufstellung gefunden haben, gleicht einem mit Denkmälern überladenen Kirchhof. Durch denselben wandelnd, weiß man nicht, soll man mehr die Kunstgewalt der alten Meister, die dem spröden Stein so herrliche Gebilde abgewonnen, soll man mehr die Wucht der Zerstörungskräfte bewundern, welche diese riesenhaften Säulen, diese Marmorquadern brachen. Doch hat im wilden Ringen der Verneinungsgeister gegen die lichte Kunstgewalt die letztere gesiegt. Durch allen Graus der Zerstörung und Verwitterung haben viele der Gebilde eine wunderbare Anmut, eine zu Herzen gehende Schönheit bewahrt, und denkt man an die Paläste, die Tempel, die Theater zurück, deren Teile sie einst gebildet, so drängt sich einem wie dem Dichter zu Venedig die Frage auf die Lippen: