Manche derselben tragen eine Inschrift, häufig einen Glückwunsch zum Jahreswechsel. Einige dieser Neujahrslampen, mit denen man seine Freunde zu beschenken pflegte, sind von zierlicher Schönheit und entfalten in Reliefdarstellung diejenigen Gaben, die der Geber dem Beschenkten wünschte: Feigen, Kuchen oder Münzen. Eine der schönsten stellt eine Siegesgöttin dar, die auf erhabenem Schilde die Inschrift: »Annum novum faustum felicem mihi« trägt.

Allerliebste Tonfigürchen waren die Puppen der aquilejensischen Kinder. An den bittern Ernst des Lebens erinnern eine Menge Tränenfläschchen, die mit wohlriechenden Salben gefüllt, von den Alten in die brennenden Totenfeuer geworfen oder in die Gräber gelegt wurden. Den größten Reichtum der Anticagliensammlung indes bilden die vielen Schmuck- und Nippsachen: geschnittene Steine von Karneol, Jaspis, Onyx, in welche Szenen aus der Mythologie, aus dem täglichen Leben oder Tierbilder eingegraben sind. Bernsteinfigürchen, Haftnadeln und zierliche Statuetten aus Bronze, sehr große Fingerringe von Gold und Silber, die in der Stärke, wie sie da sind, nur als Totenschmuck gedient haben können, und endlich eine Menge Kaiser- und Familienmünzen.

So prangt nach anderthalb Jahrtausenden noch der aquilejensische Luxus, das reiche, häusliche Leben. Allein mitten in unsre Bewunderung für das Kunstschöne, das sich an diesem Wohlleben so reich entwickelt, erinnert uns die Inschrift, die wir auf einem Ziegel lesen: »Cave malum, si non raseris lateres sexcentos; si raseris, minus malum formidabile«: »Wenn du nicht sechshundert Ziegel verfertigst, so hüte dich vor einem Übel; verfertigst du sie, so wird das Übel weniger groß sein«, daran, daß die ganze Kultur des Altertums, die ganze römische Herrlichkeit auf einem sozialen Institute beruhte, von dessen Härte und Grausamkeit wir uns mit Abscheu wenden, auf der Sklaverei.

Das ist der schwarze Punkt im lichten Bild der Antike. Aus der Sklaverei hat das Altertum Jahrhunderte lang seine Stärke geschöpft; an der Sklaverei ist es gestorben. Hätte im römischen Reich, als der Völkersturm durch Europa wogte, eine gewaltige Volksmasse, die nichts zu verlieren, wohl aber manches zu gewinnen hatte, nicht sympathielos das Alte stürzen sehen, sondern ihre Wucht mit derjenigen der Kriegsheere in die Wagschale der Geschicke geworfen, dann wäre es nicht zu schwer gewesen, den schönen Süden vor dem Schrecken der eindringenden Barbaren zu bewahren.

Aquileja fiel. Nach ihm fiel Rom. Allein dort wie hier rang sich aus dem Schoß des untergehenden Altertums eine neue Welt: das Christentum. Dieses hat um die gewaltige Metropole des römischen Reichs mit dem kräftig aufstrebenden Papsttum einen neuen, die Völker blendenden Glanz gewoben; als ein heller Stern hat es auch über dem zerstörten Aquileja gestrahlt. Der herrliche Dom und sein stolzer Campanile, der in wahrhaft majestätischer Größe über die Hütten des modernen Aquileja steigt, zeugen dafür.

Nur Rom selber kann sich rühmen, eine um wenige Jahre ältere Pflanzstätte der christlichen Idee gewesen zu sein, als Aquileja. Aus dem Blut überzeugungstreuer Märtyrer und aus einer Reihe wilder Verfolgungen heraus wuchs hier mitten im rauschenden Taumel des sich verzehrenden Römertums eine starke Anhängergemeinde, und als Konstantin die Göttertempel schließen ließ, hielt das Evangelium von Aquileja aus seinen Siegeszug in die norditalischen Lande und in die Alpen, so daß die Stadt als ein Mittelpunkt christlichen Lebens galt. Ihre Bischöfe genossen so hohes Ansehen, daß sie nach dem Papst als die ersten in der Christenheit gefeiert wurden und an den Kirchenversammlungen zu Rechten desselben saßen. Sie nannten sich Patriarchen.

Um die Wende des Jahrtausends lächelte Aquileja noch einmal etwas wie Gedeihen und Entwicklung. Nachdem schon seine Vorgänger die Grundsteine dazu gelegt, bildete und festigte sich unter Popo, dem tatkräftigsten der aquilejensischen Kirchenfürsten, ein Staat eigenster Art, das Patriarchat von Aquileja, dessen Herrscher folgenschwer in die deutsche und italienische Geschichte, in jene gewaltigen Kämpfe zwischen Kaiser und Papst eingegriffen haben, indem sie bald den einen, bald den andern unterstützten.

Allein der kurzdauernde Glanz dieses Kirchenstaates glich doch mehr einem plötzlichen Aufflackern als einer ruhigen Entwicklung. Schon zwei Jahrhunderte nach Popo, der die Ländereien vom Po bis an die ungarische Grenze in seine geistliche, das Friaul, Istrien und Krain in seine weltliche Machtsphäre gezogen hatte, begann der Verfall. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts siedelten die Geistlichen von Aquileja, dessen Klima sich infolge mangelhafter Instandhaltung der Wasserläufe und säkulärer Senkungen sehr verschlechtert hatte, nach Udine über, und nachdem Venedig und Österreich die Gebiete des Patriarchats an sich gezogen, nachdem der Papst das Erzbistum aufgehoben und dafür dasjenige von Udine und Görz gegründet hatte, erlosch der letzte Schein der zweiten Glorie, die über dem Tieflandsorte aufgegangen war. Aquileja sank und sank. Im Anfang des 17. Jahrhunderts sollen daselbst nur noch 35 Fischerfamilien gelebt haben. Tiefer kann ein Ort, der einst gegen eine halbe Million Einwohner zählte, wohl nicht erniedrigt werden.

Allein noch steigt der altersgraue Dom mit seinem gewaltigen Campanile über die Flur. Er hat nichts gemein mit den kleinen Hütten, die ihn umstehen; er ragt in stolzer Vereinsamung in der prosaischen Gegenwart; er träumt von alter Patriarchenherrlichkeit; er träumt weit zurück in das jugendliche Christentum, denn während fünfzehn Jahrhunderten hat er den Gang der christlichen Religion gesehen.

Als wir in der Frühe jenes schönen Morgens, der uns zu unserer Fahrt durch die Campagnen geleuchtet, in das große Gotteshaus eintraten, las eben ein blutjunger Priester von kleiner, schmächtiger Gestalt die Messe. Eine kleine Schar buntgeschmückter Weiber, sowie einige Koloni knieten vor dem Altar und hörten dem in einförmigen Kadenzen durch die Halle tönenden Meßgemurmel zu.