Der junge Priester, das bißchen Volk, die bäuerlichen Meßknaben, sie verschwanden fast in der Weite des feierlichen, von einundfünfzig Fenstern mit Licht vollauf gesättigten Raums.

Der Fußboden des Domes, unter dessen Platten die Patriarchen in ihren Grüften den Schlaf der Gerechten schlafen, liegt fast einen Meter tiefer als die äußere Umgebung des Gottshauses. Um so viel hat sich die letztere von der Zeit, wo man den Dom baute, bis jetzt erhöht.

Die Baukunst von fünfzehn Jahrhunderten in sich vereinend, gehört die Basilika wesentlich dem romanischen Stil an. Ihre Grundform bildet ein Kreuz, dessen Stamm 70 Meter lang und 29 Meter breit ist, während der Querraum nur 43 Meter mißt. Der aus fünf Bogenabteilungen bestehende, netzartige Plafond des Mittelschiffes, welches bedeutend höher als die Seitenschiffe ist, ragt 22 Meter über den Fußboden empor.

Je fünf Säulen, die durch Spitzbogen unter sich verbunden sind, trennen das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Sie verraten die Kirche als ein Epigonenwerk. Ihre an Dicke und Höhe verschiedenen granitnen oder marmornen Schäfte, von denen einigen mit Unterlagen hatte nachgeholfen werden müssen, beweisen deutlich, daß man als Material zum Bau einfach die Ruinen des römischen Aquileja verwendet hat.

Während wir das schmucklose, aber erhabene Innere der Kirche besichtigten, ging die Messe zu Ende. Wir baten den jungen Priester, uns die Krypta, die unter dem Chor liegende Unterkirche zeigen zu lassen, und zuvorkommend übernahm er selbst den Führerdienst.

Als wir durch einen halbdunklen Gang in diese Krypta niederstiegen, mahnte es mich an die Kasemattengänge einer Festung; allein um wie viel älter sind diese ehrwürdigen Mauern als die älteste Burg; denn sie wie die Krypta stammen noch aus der Zeit vor dem Hunnensturme, vom ersten Kirchenbau Aquilejas her.

Rohe Säulen mit sehr einfachen Kapitälen, aber ohne Sockel, stützen die in runden Halbbogen sich wölbende Decke. Fünf kleine, halbrunde Fenster verbreiten in dem kühlen, moderigen Raum ein geheimnisvolles Halbdunkel, das von den uralten, kunstlosen Malereien, welche Wände und Wölbung bedecken, nur wenig erkennen läßt. In der Mitte dieser unterirdischen Kapelle steht ein großer Sarkophag, der einst die Knochen des heiligen Hermagoras, des ersten Bischofs von Aquileja, enthielt. In den vielen Kriegen sind die heiligen Gebeine gestohlen worden. Der junge Führer sprach sich sehr bedauernd darüber aus; wir aber atmeten auf, als wir wieder in die gute Luft der Oberkirche kamen.

Auf der Westseite des Domes steht eine andere, die Heidenkirche, die chiesa dei pagani, ein öder, vernachlässigter Bau aus jener frühen Zeit unmittelbar vor der letzten Christenverfolgung.

Interessanter ist das darangebaute Baptisterium, eine Taufhalle, wie aus der christlichen Vorzeit nur wenige auf uns gekommen sind. In einem achteckigen Hofe steht ein sechsseitiges, geräumiges Taufbecken, in das der Täufling über drei große Stufen hinabstieg. Wenn das Becken gefüllt war, reichte das Wasser einem Erwachsenen bis über die Brust hinauf, und durch dreimaliges Untertauchen vollzog sich die symbolische Handlung.