Auf der Südseite des Domes stehen als letzte Reste des Patriarchenpalastes zwei stark verwitterte, mächtige Säulen; auf der Nordseite aber ragt der aus den Quadern des römischen Amphitheaters von Popo erbaute, 72 Meter hohe, freistehende Glockenturm empor. An der südlichen Flanke, eines breiten, aus Römerzeit stammenden Grundbaues, führt eine Freitreppe in den eigentlichen Turm hinauf. Ein junges Weib geleitete uns die hundertacht beschwerlichen Stufen, die von schießschartigen Löchern nur schlecht beleuchtet sind, zur Glockenstube empor.
Da oben ist's wundervoll! Die Aussicht ist zwar nur aus wenigen Elementen zusammengesetzt, der endlosen, grünen Flur, dem unbegrenzten blauen Meer, den fernen, verschwimmenden Küsten von Istrien, den fernen, blassen Alpen, dem düster dämmernden Markusturm von Venedig. Fast fehlt es dem Bild an Linien; aber unsäglich schön ist der Luftton, halb Schleier, halb Klarheit!
Tief unter uns liegt das kleine, unscheinbare Aquileja im Morgensonnenglanze; hoch über uns wölbt sich ein Himmel, wie es nur einen gibt auf der Erde, den italienischen, der so dunkel, so strahlend ist, wie das Auge der Italienerin.
So war dieser Himmel schon, als die Römer über die Gefilde wandelten, und feuchte Augen haben schon damals in der Not der Seele aufgeblickt zum Firmament; auf unserm Stern aber waltet das Schicksal. Aquileja – »gezählt, gewogen und geteilt!«