In einem halben Tag hat man zu Aquileja alles gesehen, was zu sehen ist, den Patriarchendom und die Rundsicht auf dem Campanile, die Antikensammlung und den Stall Moschettini. Ist man dazu ein paar Mal durch die wenigen Straßen spaziert, an denen in losen, kurzen Häuserzeilen das moderne Aquileja steht, ist man da und dort bei einem besonders zierlichen Relief still gestanden, das ein in seiner Art kunstsinniger Bauer in die Front seiner Hütte hat einmauern lassen, hat man über die Umfassungsmauern in einige kleine Gärten geblickt, in deren Pflanzengrün halb versteckt hübsche private Sammlungen enthalten sind, hat man gesehen, wie die Schweine aus antiken Sarkophagen, Katzen und Hühner aus antiken Graburnen fressen, dann hat man in der Tat alles gesehen, was das moderne Aquileja dem Fremden bieten kann. – Auch bei einem zweiten Besuch habe ich in dem großen geplünderten Römerkirchhof nicht mehr entdeckt. Also »partiamo!«

Der Kutscher warf sich in die Brust und knallte gewaltig, als wollte er die alten Aquilejenser aus dem Schlafe wecken; wir flogen südwärts über das ebene Land nach Beligna und Belvedere ungefähr eine Stunde Wegs durch einen dunklen Ackergrund, dessen Boden so fein ist, als wäre er durch ein Sieb gegangen.

Waren hier die Gartenpaläste der Reichen; war hier die Nekropolis des ehemaligen Aquileja? Man sagt das eine und das andere, vielleicht ist keines wahr; hingegen weiß man, daß zu Beligna ein feierlicher Tempel des Sonnengottes Belenus stand, zu Belvedere ein römisches Arsenal war und eine Kolossalstatue mit brennender Fackel auf das Meer hinausleuchtete.

Wir wollten nach Grado, jener kleinen Inselstadt, hinüberfahren, deren Namen sich mit Aquileja derart verschwistert hat, daß man den Namen der einen nicht nennen kann, ohne der andern zu gedenken, daß die beiden, in Glück und Unglück schicksalsverwandt, zusammengehören wie das Dioskurenpaar im Mythus der Hellenen.

Bei dem Dorfe Belvedere erstirbt die Campagna im Dünensand; die gute Straße geht aus; die Räder sinken tief in den beweglichen Grund, die Gräser weichen dem Salzkraut, dem Meerginster und wie die Gewächse des Hallophytengeschlechtes heißen, die oft mit seltsamen, fettkrautartigen Bildungen den Strand überwuchern. Noch ein Viertelstündchen, und wir sind an der Lagune.

Da steht, wie ein Stück Ideallandschaft anzuschauen, auf einem Dünenrücken ein nicht gar großer, aber alter Pinienwald, der mit seinen breiten, dunkeln Schirmen das Lagunenbild wundersam verschönt. Die Pineta, sagt man, sei nur ein Rest eines Piniengürtels, der im Altertum die ganze adriatische Nordküste umschlang. Wenn das richtig ist, dann ist dieses weite Meerufer um einen seiner herrlichsten Reize ärmer geworden.

Als wir wenig nach Mittag am Strande ankamen, war die Barke, die wir von Aquileja aus telegraphisch in Grado bestellt, mit zwei tiefbraunen Gradoneserfischern schon an Ort und Stelle; die Lagune aber bot den seltsamsten Anblick, den man sich denken kann.

Es herrschte tiefe Ebbe. Vom Land her strömten die Wässerlein, welche sonst die Niederungen bei Belvedere mit einem braunen Brackwasser füllen, in eiliger Hast, wie Kinder in den Schoß der Mutter fliehen, dem zurückweichenden Meere nach und furchten Dutzende von Rinnen in den grauen Lagunenschlamm. Die breiten Sandrücken, die vom Meer zurückgelassenen Tümpel und Lachen durchsetzten sich derart, daß man nicht sagen konnte, überwog die See das Land oder dieses die See. Es war ein interessantes Etwas, das niemand gefallen konnte als den Amphibien, den sich sonnenden Wasserschlangen und den im Schlamm steckenden Schildkröten. Selbst der Menge von Krustentieren, den Taschenkrebsen und Langschwänzern, die neben vielen kleinern und größern Muscheln den Schlamm bedeckten und hundert vergebliche Versuche machten, kriechend oder springend ihr natürliches Element zu erreichen, schien die Gegend schlecht zu bekommen. Man konnte es in der Tat für gleich unmöglich halten, zu Fuß oder zu Schiff nach Grado überzusetzen, dessen Häuser klar und fast zum Erlangen nah über die Lagune schimmerten; denn für das eine war zu wenig Land, für das andere zu wenig Wasser.

Allein, was will eine Landratte urteilen! – Unsere Gradoneserfischer stachelten ohne viel Besinnen die Barke durch den flüssigen Schlamm, bis wir in einen jener Kanäle kamen, die sich wie Flußbette in vielen Windungen durch den Lagunenboden ziehen.