An eine direkte Fahrt nach Grado war nicht zu denken. Wir fuhren statt nach Süden weit ostwärts gegen die kleine Insel Barbana hinunter, wo einige feierliche Zypressen um eine alte Wallfahrtskirche stehn. Diese soll sich laut Legende da erheben, wo nach jener furchtbaren Naturkatastrophe vom Jahre 585 Schiffer ein auf den Wellen treibendes hölzernes Marienbild fanden, das heute noch wundertätig alljährlich Pilgerflotten von 30 000 bis 40 000 Wallfahrern nach Barbana lockt.
Bald einer Sandbarre ausweichend, bald über eine hinschleifend, bald durch Meergras und Binsen wogend, änderte die Barke jeden Augenblick ihren Kurs, so daß wir auf unserer fast dreistündigen Fahrt nach Grado mindestens die zwiefache Strecke zurücklegten und es fast unmöglich schien, nach dem durch seine Nähe neckenden Städtchen zu gelangen.
Es wäre etwas Mißliches um eine solche Fahrt im Zickzack, böte sie nicht ein ganz ungewöhnliches landschaftliches Interesse dar. Ein Lido flacher, grüner Inseln umschließt die Lagunen, und zwischen ihnen durch schimmert scheinbar erhöht der Azur des offnen Meers, das leistönend seine Wellen in den Lagunenfrieden treibt. Dazu zieht sich von der Isonzomündung bis gegen Grado hin ein vielfach vom Meer durchbrochener und unterwaschener Dünenzug, dessen einzelne steilabstürzende Hügel wie riesige Blockhäuser aus der wogenden See aufsteigen.
Die kleine Inselstadt, die grünen, flachen Inseln des Lido, der Ausblick auf die offene See, die fernen Dünenpalisaden geben zusammen der Landschaft ein seltsam Reizvolles, das weniger schön als merkwürdig ist. Der Schaffensdrang der umgestaltenden Natur offenbart sich vielleicht nirgends gewaltiger als am Meeresstrand.
Zweifellos war jener Dünenzug, dessen ruinenhafte Hügel dem Zusammensturz nahe scheinen, vor Zeiten eine geschlossene Sandbarre, und noch in römischer Ära muß die Lagune ganz anders ausgesehen haben als in unsern Tagen. Von Istrien, wo ein ehemaliger Stadtteil von Parenzo in der See versank, bis nach Venedig, wo im Gang der Jahrhunderte die unterirdischen Räume der Markuskirche ins Wasser zu stehen kamen, bemerkt man die Folgen einer säkularen Senkung des Bodens. Diese beträgt im Bereich der furlanischen Küste zwei Meter, und bei der Flachheit des Strandes hat sie dem Meer die Herrschaft über weite ehemalige Landstriche eingetragen. So kommt es, daß die Inseln des Lido, welche in der römischen Zeit mit Werkstätten für den Schiffsbau und Hafenanstalten jeder Art dicht besetzt waren, viel kleiner geworden sind, daß an der Stelle der ehemaligen Inselwälder, wo noch die Dogen Venedigs des Weidwerks pflogen, an der Stelle, wo der Pflug des mittelalterlichen Bauers den Acker furchte und das Vieh auf fetten Gründen weidete, die Lagunenwelle im Röhricht plätschert und von den zahlreichen Eilanden, Grado ausgenommen, keines mehr dem Menschen eine dauernde Wohnstätte bietet. So kommt es, daß große Strecken landeinwärts gegen Aquileja, welche früher in der Pflanzenüppigkeit der Campagna prangten, Meersumpf geworden sind, daß Mauerreste und Inschriftensteine, Mosaikböden und Lager von Amphoren, in welchen die Römer den Wein aufzubewahren pflegten, im Grund der Lagune und der Meersümpfe liegen.
Man sagt, daß zur Blütezeit Aquilejas ein Damm von Belvedere nach Grado hinüber geführt habe. Vielleicht im Angedenken der ehemaligen Schönheit dieser Landschaft ist ein großartiges Projekt aufgetaucht: die ganze Lagune von der Isonzomündung bis zur italienischen Grenze, also auf eine Strecke von 30 Kilometern, durch Dämme, die sich von einer Lidoinsel zur andern ziehen, gegen die See abzuschließen, die Lagune selber durch Maschinen zu entwässern und ein Gebiet von sechzig Quadratkilometern Meer in Kulturland umzuschaffen.
Allein dem schöngedachten Plan eines »adriatischen Hollands« mit Polderwerken und fetten Marschen, wo ein glückliches Volk, den Niederländern nacheifernd, auf altem Meergrund seine Felder baut, haftet der eine große Fehler an, daß es auf den griechischen Kalenden steht. Selbst für jenen andern, ungleich bescheidenern, jene Dammverbindung von Grado und Belvedere zu erneuern, lebt, obwohl die Existenzfähigkeit des Lagunenstädtchens eng damit verknüpft ist, in den Kreisen, die ihn vermöge ihrer sozialen Stellung zu einer allgemeinen Landessache machen könnten, wenig Sinn.
Der Gedanke an Italien, das nur eine Gelegenheit abwartet, wo die Heere Österreichs anderwärts gebunden sind, um eine Erweiterung seiner Grenzen bis an den Golf von Triest oder sogar drüberhin zu versuchen, und die Möglichkeit eines Erfolges legt in Finanzkreisen jede größere Unternehmung im untern Friaul lahm.
Bei Barbana nahm unsere Barke eine ziemlich gerade Richtung nach Grado. Auf vielen der binsenumwachsenen, niedrigen Sandinseln, welche sich längs der Lagunenkanäle hinziehen, standen zeltartige Schilfhütten. Das sind die Sommerfrischen gradonesischer Fischer, und wie eine Robinsonade mutet das Leben des Inselvölkleins an. Malerisch verwilderte Männergestalten besserten ihre Netze aus oder legten sie zum Trocknen an die Sonne, bronzefarbene Weiber schabten die gefangenen Fische, und junge Burschen und Mädchen wälzten sich kichernd und halbnackt in den Binsen.