Oft hat – ich weiß nicht durch welche Ideenassoziation – der Anblick irgend einer Meerlandschaft in mir die Erinnerung an Hochgebirgsszenen wachgerufen, und als ich die rauchgeschwärzten Schilfhütten sah, die nur mit einer offenen Feuerstelle, einem Binsenlager im Hintergrund und einigen Holzklötzen zum Sitzen ausgestattet sind, mußte ich unwillkürlich an jene letzten Hütten, die der Mensch gegen die Grenzen des ewigen Schnees emporgebaut hat, denken. Allein wie viel einfacher lebt noch der adriatische Strandfischer, dessen ganzer Reichtum sein Schilfzelt, sein Kahn, sein Netz und sein Segel ist, gegen den letzten Sennen, der doch wenigstens noch jene Reihe von Geräten, wie man sie zur Käsebereitung bedarf, in seiner Alphütte birgt.
Man sieht unter diesen Lagunenfischern und ihren Weibern viele Gesichter von hoher natürlicher Intelligenz und prächtig aufgeschlossenen Gesichtszügen und es lebt auch ein großes Stück Selbstgefühl in diesen malerischen Gestalten.
Fordert Ihnen ein Gradonese am Strand von Belvedere fünf Gulden für die Überfahrt nach seiner Inselheimat und bieten Sie ihm zwei, womit seine Arbeit vollauf bezahlt wäre, eher kehrt er Ihnen den Rücken und fährt allein in seine Lagunen zurück, um in einer Woche mühsamer Fischerei die zwei Gulden nicht zu verdienen, als daß er auf Ihren durchaus billigen Vorschlag eingehe; er läßt nicht mit sich markten.
Allein nicht minder groß als ihr Selbstgefühl ist ihre Gleichgültigkeit; sie sind wahre Diogenesnaturen.
Als wir bereits in der Nähe von Grado waren, mußten unsere zwei Barkenführer noch eine lange, schmale Sandbarre umrudern.
»Warum«, fragten wir einen derselben, »haben Sie denn diese Bank nicht längst durchstochen; es kürzte ja den Weg ungemein?«
»Wer soll es machen?« antwortete er schulternzuckend.
»Diese Arbeit von einem oder zwei Tagen, wir denken Sie oder Ihre Gefährten oder die Stadt Grado«, sagten wir.
»Das Meer hat diesen Sand daher gespült«, erklärte er nun; »unsere Väter sind schon um denselben her gefahren; wir machen es ebenso; soll der Sand weg, dann mag ihn das Meer wegschaffen – es wäre uns allerdings recht.«