Wir bemühten uns nicht weiter, dem Manne die Vorteile einiger Spatenstiche klar zu machen; wir fuhren an einigen venetianischen Booten, die bei der Schlammbank in Quarantäne standen und mit der Wäsche ihrer Mannschaft beflaggt waren, vorbei, und ein kleines Weilchen später waren wir nach zweieinhalbstündiger Fahrt im Hafen von Grado, der schicksalsreichen Inselstadt.
Zur Blütezeit Aquilejas war Grado das Herz des aquilejensischen Seelebens, der Mittelpunkt der Flottenstation und zugleich der Angelpunkt des aquilejensischen Urchristentums, den eine ganze Mätyrerschar, darunter viele Jungfrauen, mit ihrem Blute weihten.
Dann wurde das Laguneneiland Port und Asyl der heimatlosen Aquilejenser. Wie mag das Wehegeschrei der Frauen und Kinder durch das kleine Inselland gehallt haben, als über den Meeresarm her der Lärm und das Getöse des Hunnensturms erscholl, als aus der glänzenden Heimatstadt die Feuerlohe zum Himmel schlug, als das erste wunde Kriegerhäuflein, das sich durch die Hunnenscharen geschlagen, an den Strand von Grado kam und auf die hundert durcheinander schwirrenden Fragen todestraurig die Antwort: »Finis Aquilejae« gab.
Die schöne Aufgabe, ein Friedensport im Kriege zu sein, hat Grado durch die ganze schwere Zeit der Völkerwanderung gegenüber den Land- und Städtebewohnern des Friauls erfüllt. Es war nicht sein Schaden; denn »Neu-Aquileja«, wie sich der Ort im sechsten Jahrhundert nannte, war, ehe dem venetianischen Löwen die Flügel gar so mächtig wuchsen, der Vorort der Lagunenstädte. Die mittelalterlichen Schriftsteller rühmen seine starken Mauern und Türme, seine zahlreichen Kirchen und herrlichen Paläste, und von der Festlandsstadt hatte es nicht nur viele Kunstwerke, sondern auch einen Teil ihres blühenden Handels geerbt.
In der Hunnenzeit war auch der Patriarch von Aquileja nach Grado geflohen. Seine Nachfolger hielten bald hier, bald dort ihre Residenz, bis in jenen uns kaum mehr verständlichen Streiten der orthodoxen Kirche gegen die verschiedenen Schismen auf Grado ein Konkurrenzpatriarchat zu demjenigen von Aquileja entstand, das, später auch rechtgläubig geworden, erst nach fast tausendjährigem Bestand von den Patriarchen des letztern aufgerieben wurde.
Dann wurde es stiller und stiller auf dem Eiland; die Bevölkerung verarmte im Laufe der Jahrhunderte; die Insel wurde, von den Meereswogen zernagt, kleiner und kleiner; die Stadtmauern stürzten ins Meer, und heute ist Grado ein kleines Städtchen von 3000 Einwohnern, deren Ackerfeld, Garten, Werkstätte, Vorratskammer, deren ganzer Reichtum das Meer ist; denn die Gradonesen alle sind Fischer.
Das Städtchen ist grad so groß als die Insel, deren Strandoval man in einem Viertelstündchen bequem umwandelt. So freundlich es von der Lagune her aussieht, so unreinlich ist es im Innern.
Wie die Patriarchen von Aquileja sich in ihrem Dom und dessen weitausschauendem Campanile ein Denkmal errichteten, das ihre eigene Existenz um Jahrhunderte überdauerte, sicherten sich diejenigen von Grado in der Kathedrale Sant' Eufemia ein heut noch wohlerhaltenes Monument. Ihr Äußeres wird freilich in seinem Eindruck durch die umgebenden Häuser beeinträchtigt, und mit dem stolzen Gotteshaus von Aquileja darf sie sich nicht messen; aber ihr Inneres wetteifert an Alter und archäologischem Wert mit dem Dom von Aquileja.
Sonst bietet die kleine Stadt kaum etwas Sehenswertes; doch ist ein Spaziergang auf dem neuen Damm, der die Südseite des Städtchens zum Schutz gegen die Meereswogen in einem Halbrund umzieht, von bedeutendem Reiz; denn von seiner Höhe genießt man einen wundervollen Blick auf die offene, in dunkelblauen Wellen pulsierende See.
Dieser Damm und die an der Ostseite des Städtchens liegende, erst kürzlich in leichtem Holzstil aufgeführte Badeanstalt zeigen, daß Grado sich nicht willenlos in sein dereinstiges Schicksal, vom Meer aufgefressen zu werden, ergibt. Vorher möchte es noch eine Gesundheitsstation ersten Ranges, ein adriatisches Rügen werden.