Es hat seine dankbare Klientel, die vom Seebade Grados entzückt ist. Sie spricht von seinem herrlichen Wellenschlage, als ob das Meer nirgends mehr so lieblich wogte, wie an diesem Strand, und findet den feinen, weißen Sand unvergleichlich. Allein die dankbarste Kundschaft ist die alljährliche wiederkehrende Kolonie einiger hundert skrofulöser Kinder, welche die Städte Triest und Graz auf das kleine Inselland in die Ferien senden.
Diese armen, glücklichen Kinder untersuchen nicht; sie baden, sie spielen und werden gesund. Die roten Wangen, die lachenden Augen, sie sind die besten Anwälte für Grado.
Allein so ein echter, rechter Kurort – eben ein adriatisches Rügen – kann Grado doch nicht werden. Dazu fehlt es an allem, an einer Promenade, wenn man nicht den bei ruhiger Luft unangenehm ausdünstenden Strand längs des Inseldammes dafür nehmen will, an Wohnungen, denn das Städtchen ist von den eigenen Einwohnern bereits übervölkert und an Platz für etwas ausgedehntere Neubauten, wenn man nicht ein neues Grado in die Lagunen hinaus gründen will.
Wenn sich wenigstens nur etwas Baumgrün auf das Inselland pflanzen ließe, damit das Auge etwas mehr hätte, als das endlose Blau der See und des Himmels, den südlichen Sonnenschein und die reflektierenden Mauern der Stadt; allein alle Versuche, auf der Insel Bäume längere Zeit zu erhalten, scheitern. Sie verderben in kurzer Zeit an dem salzigen Grundwasser oder fallen, da ihnen der lockere Inselsand keinen Halt gewährt, den Seewinden zum Opfer.
Selbst das freundliche Bild grünender, blühender Sträucher hat sich in einige ganz kleine Privatgärten, die zwischen den Häusern des Städtchens eingeklemmt sind, zurückgeflüchtet.
Manches wird in Grado, um Kurgäste anzulocken, noch getan werden können. Von all den kleinen Anfängen, welche das Kurleben dort gezeitigt hat, schien uns die Gründung einer deutschen Bierhalle das bedeutsamste Ereignis. Wir haben es gewürdigt! Schäumender Gerstensaft, ein blühendes Gärtchen, eine gute Kegelbahn; wer wollte auf einem so kleinen Meereilande sich nicht damit zufrieden geben!
Als wir nach einem dreistündigen Aufenthalt in der kleinen Inselstadt wieder unsere Fischer und unsere Barke aufsuchten, bot die Lagune ein ganz anderes Bild, als am Nachmittag. Die steigende Flut hatte die Sandbänke mit dem Blau des Meerwassers bedeckt; nur einige der höhern, auf welchen die Schilfhütten der Fischer standen, ragten noch, zwar um vieles verkleinert, über die hereinbrechende See. Die Gegend war kaum mehr zu erkennen. Die Lagune gestattet jetzt eine fast geradlinige Fahrt von Grado nach Belvedere; dazu schwellte ein angenehmer Seewind das Segel. Glücklich schwebten wir über der aus allen Tiefen emporquellenden Flut durch den schönen Meeresabend, tranken dunkeln Wein von Monfalcone und hellen von Gumboldskirch, aßen kaltes Geflügel und italienische Rauchschinken, Vorräte, die wir alle der gütigen Vorsorge unserer Hauswirtin verdankten, und sangen die Lieder unserer Heimat dazu. Die niedergehende Sonne zögerte noch ein Weilchen, als sie so fröhliche Menschen sah. Ihre Strahlen glühten über der kleinen Fischerstadt. Wir wünschten Grado, dem meerumschlungenen, viele Kurgäste und noch manche Jahre gedeihlichen Daseins; denn sterben muß es einmal doch. Wer es in tausend Jahren besuchen will, findet vielleicht nichts mehr von dem Eiland. Es sinkt und sinkt; die See nagt immerfort an seinen Flanken; überall beißen sich die Wellen in seine Ufer; Sandkorn um Sandkorn wird hinweggespült. Wenn später einmal der Fischer mit seinem Kahn über die Stelle fährt, dann faltet er die Hände und betet ein Requiem über der versunkenen Stadt.