Zwar weicht schon nach der ersten Wegstunde die Campagna stagnierenden Reissümpfen; allein auch sie sind nicht reizlos. Zwischen Sumpf und Meer steht, malerisch an einen Felsrücken gelehnt, die altersgraue Kapelle Sant' Antonio, welche alljährlich zur Frühlingszeit die Schiffer der Umgebung zur Bootsweihe in ihre Räume sammelt. Bereits im Sumpf erhebt sich ein hübsches, modernes Gebäude, das Bad Monfalcone. In seinem Hof dringt eine Schwefelquelle von 40 Grad Celsius aus dem Moorboden, die mit dem Meere ebbt und flutet. In den Gängen hangen die Krücken dankbarer Gichtbrüchiger, die als Lahme gekommen und als Gesunde gegangen sind. Die heilsame Quelle lockt allsommerlich eine kleine Fremdenkolonie nach Monfalcone. Da das Badegebäude wegen der fiebererregenden Dünste, welche am Abend aus den Sümpfen aufsteigen, nicht bewohnt werden kann, beleben die Badegäste die paar Gasthöfe der Stadt. Regte sich hier der nämliche Unternehmungsgeist, wie in manchen Tälern des Gebirges, so wäre Monfalcone der Welt schon lange als ein südösterreichisches Ragaz bekannt.

Der Sumpf östlich vom Bad war um die Wende unserer Zeitrechnung noch ein mit dem Meer zusammenhängender Binnensee, in welchem hin und wieder eine römische Flotte vor Anker lag. Jetzt schleicht vom Karste her die Lokavaz, ein unheimliches, trübes Gewässer, durch diese Gegend zum nahen Meer.

Jenseits des Flusses liegt der merkwürdige Ort, wo an der letzten innersten Bucht der Adria die lombardisch-venetianische Tiefebene ausgeht, die Alpen mit ihren felsklippigen Ausläufern sich ans Meerblau drängen, der flache, reizlose Lagunenstrand des adriatischen Westens den malerischen Felsenufern des Ostens weicht und sich die östlichste, von der Romantik der Halbkultur umschleierte große Halbinsel vom europäischen Festland löst.

Es ist, als ob die Natur den Angelpunkt, wo sich Alpen, Meer und Tiefland stoßen, der europäische Osten sich vom Westen scheidet, selber mit einem ihrer herrlichsten Wahrzeichen hätte schmücken wollen; denn da rauscht in drei Quellen aus unerforschten Felsenschlünden der kürzeste Strom Europas, der Timavo auf.

Die altersgraue Kirche San Giovanni, eine Mühle, deren Werke seit längerer Zeit ruhen, einige kleine Häuser und etwas Grün schmücken die Quellen, und Barken fahren bis an den Ursprung den langsam abfließenden Strom hinauf, der sich schon nach wenigen Kilometern Laufes in die Bläue des Meeres verliert.

Seine Geschichte greift hinauf bis in die graue Sagenzeit, und seine Wasser sind geweiht durch Argonautenzug und Äneis. In einem heiligen Eichenhain stand an seinem Ufer ein Tempel des Diomedes, der den Griechen im Kampf gegen Troja mit achtzig Schiffen zu Hülfe gekommen war, und später einer der Hera, der großäugigen, lilienarmigen Göttin.

Der Trimavus muß im Altertum, als er die damaligen Schriftsteller und Dichter, einen Virgil, einen Strabo, einen Plinius, Martial und Cornelius Nepos, zum höchsten Staunen hinriß, noch ein ganz anderer gewesen sein als in unserer Zeit; denn sie feiern ihn in bewundernden Ausdrücken als die »Mutter des Meers«, und der Sänger der Äneis meldet:

»… Per ora novem vasto cum murmure montis
It mare proruptum et pelago premit arva sonanti«[1]

[1]