»… Durch neun Münde und unter dem Seufzen des Berges
Bricht er ins Meer und peitscht mit tönender Woge die Felder.«
Neun Quellen, nach andern Schriftstellern auch zwölf, hatte also damals der Timavus, und schauerlich großartig trat er zu Tage – heute ist er bis auf drei versiegt. Dennoch tritt auch jetzt noch der Wanderer mit einer gewissen Ehrfurcht an den seltsamen Fluß, der mit immer noch starker Wasserfülle als ein herrliches Naturrätsel von dannen strömt.
Naturrätsel! Wenn das Rätsellösen so viel bedeutet, als an die Stelle des einen ein anderes zu setzen, dann ist auch der Timavo, seine einstige Wassergröße, seine jetzige Kleinheit, dann sind seine Zuflüsse enträtselt.
Eine scharfsinnige Hypothese bringt nämlich seinen Wasserverlust mit der Bildung des Isonzo in Zusammenhang. Dieser soll im Altertum bei Görz im Karst verschwunden sein; allein im Mittelalter haben sich die unterirdischen Verbindungskanäle dann verstopft, der Isonzo sei nach Süden ausgebrochen, wodurch der jetzige Unterlauf desselben entstand, der Timavus aber um eine Reihe von Quellen verarmte.
Diese Hypothese hat ungemein viel für sich. Noch heute existiert zwischen der Wippach und dem See Dobredo ein Zusammenhang; denn bei großen Wasserständen des Flusses steigt auch der See, und heute noch hört man in der Grotte von Jaminiano das Rauschen unterirdischer Wasser, die in der Richtung gegen Timavo abfließen.
Seinen jetzigen Hauptzufluß – das steht ganz außer Zweifel – erhält der Timavo von der Reka, einem Karstwasser, das sich bei San Canziano ein paar Stunden gebirgseinwärts von Triest in eine Kalksteingrotte verliert. Die Entfernung von San Canziano zum Timavo beträgt über dreißig Kilometer. Man hat die Grotte, die sich in unmittelbarer Nähe der Kirche des Dorfes zum Empfang der Reka öffnet, eine Strecke weit erforscht. Es soll, so sagen die Höhlenpioniere von Canziano, ein wunderbares, unbeschreibliches Gefüge von Gängen, Hallen und Erkern sein, durch welches sich die Reka windet, ein Seitenstück zur Grotte von Adelsberg.
Jenseits des Timavo beginnt die Straße mählich anzusteigen. Da liegt zwischen ihr und dem Meer der Wildpark von Duino, ein großer, dichter Terebinthenhain, der ein beredtes Zeugnis dafür bildet, daß der Karst von Natur aus kein kärglicher Boden ist, daß erst der Unverstand der Menschen ihn zu der dürren Steinwüste gemacht hat.
Hinter dem Park ragen die altersgrauen, verwitterten Mauern des Schlosses Duino auf hohen, malerisch zur See abstürzenden Felsen auf …
»Es stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr,
Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer.«