Man muß unwillkürlich an diese Uhlandsverse denken, wenn man die alte gewaltige Feste sieht. Man sagte mir, es sei die größte am Mittelmeer! Uralt ist sie; denn schon die Hohenstaufen haben auf ihren Italienfahrten in Tybein, wie der alte, deutsche Name der Burg lautet, gern gerastet; ja ihre Anfänge gehen bis in die Römerzeit zurück. Es muß damals in dieser Gegend ein vorzüglicher Wein gewachsen sein; denn Livia, die Gemahlin des Augustus glaubte es diesem zu verdanken, daß sie über die achtzig Jahre alt geworden ist.

Landeinwärts vom Schloß bildet ein Dutzend dazu gehöriger Pächterhütten eine kleine Ortschaft. In ihrer Mitte ist das schwarze, ungemein feste Eingangstor zum Schloß. Dieses selber besteht aus einem Gefüge von Bauwerken aus verschiedenen Jahrhunderten, die sich alle um einen dicken, viereckigen Turm drängen.

Die gegenwärtige Besitzerin des Schlosses, eine Fürstin Hohenlohe, hat die weitläufigen Gemächer desselben mit vielen römischen Fundstücken, alt-venetianischen Holzschnitzwerken und herrlichen Gemälden geschmückt, von denen manche den besten italienischen Meistern angehören. Sie ist selber eine Malerin von hohem Talent, und es kann für eine Künstlerin in der Tat keinen Ort geben, wo sich die Phantasie mehr befruchtet, als in dem sagen- und efeuumrankten Schloß, vor dem das südliche Licht über den Azur des Meeres zuckt und flutet. Achtzig Meter steigen die zerrissenen Uferfelsen lotrecht von der See auf, und in ihren Rissen grünt eine Vegetation, die mit ihren Agaven und Kakteen an noch südlichere Gestade erinnert.

Auf einem grauen, verwaschenen Felsen in der See, der durch ein zackiges Riff mit dem Festland verbunden ist, liegen die Ruinen der Stammburg, Tore, Bogen und Türme, durch welche das tiefe Blau des Himmels scheint; ein ungemein malerisches Bild, wie denn das Meergestade von Duino in seiner Art etwas einzig Schönes hat.

In der Nähe ist eine kleine Sardellenfabrik und der Hafen von Duino. Nichts Angenehmeres, als sich hier hinausrudern zu lassen auf das träumende Meer, unter dem Schloß hin und längs der steilen, zerrissenen Uferfelsen. Hier wäre der Ort für eine südliche Lorelei! Oben in einem Saal des Schlosses steht eine goldene Harfe; allein ich vermute, daß sie, die wohl von Harfner oder Harfnerin einst in Minneleid und Minnefreude geschlagen worden, nun gute Ruhe hat.

Und wie sollte eine Lorelei hier Stätte haben, wo der Sterblichen Gewaltigster einer gedichtet hat. – Dante! Man zeigt unter dem Schloß einen in die See vorspringenden Felsen, welchen die Sage zu einem Lieblingsaufenthalt des großen Florentiners weiht.

Die Landschaft östlich vom Schloß mahnte mich etwas an den Urnersee. Es ist wunderbar still da unten; nur die prächtig gefärbten zierlichen Quallen, die in geselligen Schwärmen durch die Meerflut ziehen und vor der nahenden Barke fliehen, das Aufblinken sich tummelnder Seefische und das Geschrei aus- und einfliegender Tauben und Spyrschwalben, die ihre Geniste in den Löchern des Felsensturzes haben, bringen etwas Leben in den strengen Ernst des Ufers und das sonnige Lächeln des Meeres. Drei Felsen, die aus dem Steilhang des Ufers treten, heißen die »drei Altäre.«

Die Bucht von Sistiana, ein reizendes Meeridyll, legt eine Bresche in den Felsengürtel, der das Meer von Duino umschlingt. An ihrem Eingang sieht man nach Aurisina hinüber, das ein halbes Stündchen entfernt sein mag. Dort steht das Maschinenhaus der Wasserversorgung von Triest. Die Pumpwerke derselben schaffen das am Meeresstrand den Felsen entquellende Wasser auf das Plateau von Nabresina hinauf, das hundert Meter über dem Seespiegel liegt.

Bei Sistiana, wo eine Menge der Steine, die zum Hafenbau von Triest verwendet worden sind, gebrochen wurden, stiegen wir wieder hinauf auf die Straße Monfalcone-Triest. Sie führt durch eine Landschaft vom echtesten Karsttypus. Ringsum starrt ein Chaos zernagter Felsen, wie aus dem Boden gewachsen, uns entgegen. Doch bilden sie eine Menge, zum Teil großer Dolinen, seltsame, dem Karst eigentümliche Gesteinskessel, deren Grund mit einer üppigen Vegetationsdecke ausgeschlagen ist. Die Dolinen sind ein ungemein liebliches Kontrastbild zu der Trostlosigkeit der übrigen Landschaft; denn auf den Miniaturäckern, die im Grund derselben liegen, gedeihen, dem zerstörenden Hauch der Bora entrückt, die zuweilen mit furchtbarer Gewalt über diese Gegend fegt, Wein und Öl, Mandel und Feige wie drunten am Meer.

In einem weiten Bogen überspannt ein Kolossaldamm der österreichischen Südbahn das Küstenplateau, und durch ein Tor dieser gewaltigen Baute gelangen wir in das berühmte Steinbruchgebiet von Nabresina, dessen mattweißer Marmor schon der Stolz des ehemaligen Aquileja war und das heutige Wien mit den Prachtbauten der Ringstraße schmückt.