Durch einen Bogen eines zweiten, sechshundert Meter langen Bahnviaduktes gelangen wir nach Nabresina selbst, einem slavischen Dorf, bei dessen Station sich aus der Hauptlinie Venedig-Wien der Schienenstrang nach Triest herauslöst, um sich längs der Ufer von Miramare in die adriatische Handels- und Hafenstadt hinabzusenken.
Nabresina und die mehr nach Osten vorgeschobenen Dörfer Santa Croce und Prosecco sind beliebte Ausflugsziele des nahen Triest, von dem die Straße in zahlreichen, engen Windungen nach Prosecco emporklimmt, fröhliche Stelldichein der lebenslustigen Jugend. Bei der eingebornen Landbevölkerung hat sich noch eine hübsche Mädchentracht, ein Schapel, ein weißes, geschmeidiges Brusttuch und eine rote oder blaue Schürze, alles von Seide und reich gestickt, erhalten. Es liegt etwas ungemein Gutmütiges, mehr Trauriges als Fröhliches, mehr Demütiges als Keckes in den Gesichtern ihrer Trägerinnen, deren wasserblaue Augen und wenig belebte Züge scharf gegen das ewig bewegliche Element und die Glutaugen der italienischen Strandbewohnerinnen abstechen.
Da sind wir auf der Höhe von Prosecco, jenem kühnen Vorgebirg nächst Triest! »Vedere e morire!« Sieh's und stirbt – So spricht der Neapolitaner von seiner Stadt; allein schöner kann Neapel nicht sein, als der Blick von Prosecco. Da steht man, schaut man, – und schweigt!
Tief zu unsern Füßen liegt wonnig und sonnig die Adria, und weiße Segler ziehen nah und fern auf leuchtender Flut. Etwas links baut sich, vom Mastenwald seines Hafens emporsteigend, Triest an grünen Hügeln auf. Über dem Golf von Capo d'Istria winkt Pirano auf olivenreichem Vorgebirg herüber, während in blauender Ferne Himmel und Meer eines ins andere übergehen. Zur Rechten senkt sich steil eine Riviera von silbergrauen Ölbäumen und dunkelgrünen Lorbeerwäldchen, von Rebengrün und Myrtenhainen zur Punta Grignana ab, auf deren äußerstem Vorsprung ein zu Stein gewordenes Märchen, Schloß Miramare, aus einem Terebinthen- und Lorbeerparke steigt. Noch weiter rückwärts gegen Duino stürzen die Karstfelsen jäh und handlos zur blauen Flut. Meerherüber grüßen die Pinien von Barbana, Grado, die Inselstadt, der Campanile von Aquileja, die Lagunen und in träumender, nordwestlicher Ferne die julischen und italienischen Alpen.
Allein das sind nur einige Fixpunkte; denn ein Bild wie dasjenige von Prosecco läßt sich nicht wiedergeben; es kann nur ein selbstgeschautes, kein übertragenes sein. Was ich nicht zu beschreiben vermag, das ist der jäh wirkende Zauber des Meerbilds, der Wandel der übers Meer spielenden Sonnenlichter, jenes Geheimnisvolle, mit dem eine fast grenzenlose Meerperspektive auf die Seele wirkt und sie mit einem leisen Heimweh nach dem sonnigen Hellas und den Märchen des Morgenlandes füllt.
Zögernd scheiden wir von dem herrlichen Punkt, zögernd, als könnte unserem Auge das schöne Bild mit den sonnigen Weiten plötzlich entzogen werden, und steigen durch die Weinberge von Prosecco, wo ein feuriger Schaumwein wächst, durch hochromantische Felsenpartien, malerische Kastanienwäldchen und Olivenhaine hinunter zur Südbahn, welche von Triest aus an dem üppigen Küstenhang das Plateau von Nabresina gewinnt, und hinunter zu den Lustgärten von Miramare.
Miramare! – Liegt nicht schon im Wort südlicher Wohllaut? »Wunder des Meeres« heißt's zu deutsch, und ein Wunder ist's, das Marmorschloß am Meer mit seinen Gärten. Da rauschen die Pinien im lauen Wind, und zierliche Wege ziehen drunter hin; da glänzen und duften Myrte und Lorbeer; da schreitet man unterm grünen Dach der Madeirareben, durch schattige Lauben und kühle Grotten, an halbverborgenen Teichen, über welche die Schwäne ihre Ringe ziehen, hinab zum Marmelpalast. Fast zu üppig ist hier der Duft blühender Schlingpflanzen, die über die Arkaden klettern. Die Kamelien blühen, die wie aus Wachs gegossen im Weiß der Lilie und im Rot der Rose prangen. Er ist einzig, der Kamelienflor von Miramare. Da, auf der Gartenterrasse nächst dem Schloß, wo herrliche Erzbilder auf ihren Postamenten stehen, wo wehende Palmen mächtig auf zum Sonnenlichte streben, mutet's den Wanderer märchenhaft an; da scheint eine Fee ihren lieblichsten Träumen Gestalt verliehen zu haben; da scheint alles gefeit gegen Sorge und Gram, gegen Unglück und Tod; ein Eden, dieses Miramar!
Und dennoch trauert Miramare! Es trauert um den Erzherzog Max, seinen Schöpfer, der sich als ehemaliger Statthalter des lombardisch-venetianischen Königreichs mit freiheitlicher Gesinnung eine heute noch lebendige Sympathie in den Herzen der Küstenbewohner erworben hat, eine Sympathie, die mit schuld sein soll an der tragischen Geschichte des hochbegabten Fürsten.
Es war im Jahr 1856, in seinen Bräutigamstagen, als Max auf der Punta Grignana Miramare, das in normännischem Stil gehaltene Schloß, dessen heller Schein so wundersam über das triestinische Golfrund leuchtet, und die Parkanlagen schuf. Im folgenden Sommer führte er sein junges Weib Charlotte, die schönheitsstrahlende, ehrgeizige Belgierin, in den zauberhaften Meerpalast heim. Er stand damals an der Schwelle der dreißiger Jahre und war ein liebenswürdiger, hochgebildeter Mann, der auf mannigfachen Reisen durch die gesamten Mittelmeerländer und auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem ein schönes Stück Welt gesehen hatte; sie eine kaum Siebenzehnjährige, mit allen Vorzügen einer ungewöhnlich tüchtigen Bildung, dabei von ernstem, arbeitsamem Wesen, aber auch von einem maßlosen Ehrgeiz. Das liberale Österreich sah mit Hoffnungen auf das Paar, welche den Neid der Wiener Hofburg herausforderten; denn Max war um seiner persönlichen Ritterlichkeit und Liebenswürdigkeit willen weitaus der volkstümlichste der Habsburger, doch für einen Staatsmann von zu weichem Naturell, und das hat denn auch die furchtbare Tragik in sein Leben gewoben.