Man kennt das »Trauerspiel« in Mexiko. Das Land und die Ereignisse, welche damals zwei Welten in fieberhafter Spannung hielten, sind zwar in den geschichtlichen Hintergrund getreten; von den Hauptbeteiligten sind alle tot: Kaiser Max, das Opfer, Napoleon, der Komödiant und Verführer, Bazaine, das Werkzeug, Juarez, der großmütige Feind, Lopez der Verräter, General Diaz, der Scherge; nur eine lebt noch, wenn Irrsinn leben heißt, Charlotte, die schöne ehrgeizige Belgierin. Auf dem Schloß Tervueren bei Brüssel lebt sie noch.

Allein wenn man auf den Parkwegen von Miramare wandelt, wird einem die Geschichte, die Johannes Scherr mit bitterer Ironie eine »Tragikomödie« nennt, wieder neu, und die Toten stehen wieder auf.

Es war im Jahr 1860, als Napoleon III. zum erstenmal als Versucher an den Erzherzog herantrat und ihm die Kaiserkrone von Mexiko anbot. Man kann von Max zwar nicht sagen: »Versucht und verführt.« Nur zögernd, erst am 10. April 1864, als zu Miramare eine mexikanische Deputation erschien und ihm die Krone namens des mexikanischen Volkes bot, nahm er sie; allein er nahm sie, denn er war ehrgeizig, sein Weib Charlotte noch mehr, und die kaiserlichen Verwandten, denen die Volkstümlichkeit des Erzherzogs schon lange ein Dorn im Auge gewesen war, hatten nichts dagegen einzuwenden.

Vier Tage später sagten Maximilian und Charlotte Miramare Lebewohl. Nie zuvor und nie später haben sich in den Wegen der herrlichen Gärten so viel Menschen bewegt, wie am Morgen des Scheidetags. Beim Einstieg des kaiserlichen Paars ins Boot blieb kein Auge trocken. Mit Recht! Was Max dem Küstenland gewesen, das haben die folgenden Jahrzehnte in keiner Weise ersetzt.

Unter einem Blumenregen, unter den Segenswünschen des sich zudrängenden Volkes schritt das Paar zum kleinen Hafen, und ein Boot, auf dem ein roter Sammet-Baldachin aufgeschlagen war, führte es hinaus auf den Golf, wo die »Novarra«, das Lieblingsschiff des Kaisers, im Schmuck der Wimpel und Flaggen zur Aufnahme der kaiserlichen Passagiere bereit stand.

Dann donnerten die Kanonen; vom Ufer schollen die »Lebewohl«; die »Novarra« fuhr, von dem französischen Kriegsschiffe »Themis« begleitet, im Glanz des jungen Frühlingsmorgens, beim klarsten Lächeln des südlichen Himmels hinab gegen Pirano, bis sie am Horizont verschwand. – Die »Novarra« ist wiedergekehrt, der Kaiser nicht!

Als Maximilian I. in Mexiko zu herrschen begann, waren alle tüchtigen Elemente des von den Franzosen vergewaltigten Volkes gegen ihn, den aufgezwungenen Herrscher, eingenommen, und der Widerstand der Freisinnigen trieb ihn in die Arme der Priesterpartei. Sie verführte ihn zu dem Dekrete vom 3. Oktober 1865, das seine mexikanischen Gegner für »vogelfrei und außer dem Gesetze stehend« erklärte, Hunderte von patriotischen Mexikanern dem Standrecht preisgab und im Land eine furchtbare Erbitterung gegen den Kaiser erregte.

Zudem hatten die amerikanischen Nordstaaten Maximilian nie als Kaiser von Mexiko anerkannt, und als diese über die rebellischen Südstaaten, die dem Kaiser günstig gestimmt waren, gesiegt hatten, verlangte Johnson, der Präsident der Union, von Frankreich, daß es seine Truppen aus Mexiko zurückziehe.

Vor seiner festen Sprache gab Napoleon nach; die Zustände in Mexiko wurden immer unhaltbarer und im Sommer des Jahres 1866 wollte Maximilian die mexikanische Kaiserkrone ablegen. Allein Charlotte hielt die Feder, welche diesem Entschluß Rechtskraft geben sollte, zurück; denn der Kaiserinnentraum war für sie zu schön, und sie verteidigte ihn mit einer Kraft, die einer bessern Sache wert gewesen wäre. Zwei Tage nach diesem Ereignis brach sie im fernen Mexiko nach Frankreich auf, um Napoleon III. um Innehaltung seines Vertrages zu bitten. Am 10. August kam sie in St. Cloud an und erlangte, als sie der wortbrüchige Herrscher nicht vorließ, mit Gewalt eine Unterredung mit ihm. Erst eine demütig um Hülfe Bittende und, als der Kaiser hart blieb, eine Furie, hat sie diesem Manne vielleicht das Bitterste gesagt, was er aus Frauenmund je gehört hat.

Vierzehn Tage später irrte sie, eine Verzweifelnde, durch die Gemächer ihres Marmelpalastes am Meer; Verzweiflung und Irrsinn peitschten sie wieder fort, nach Rom zu den Füßen Pius IX. Dann kam sie wieder nach Miramare, eine vollständig Wahnsinnige. Maximilian hat sie nie mehr gesehen.