Treten auch wir jetzt durch den mit mittelalterlichen Waffen geschmückten Korridor ins weite, helle Kaiserhaus, an der Hauskapelle vorbei in die marmelverzierten Gemächer, in die weite Bibliothek, wo die Büsten Homers, Dantes, Shakespeares und Goethes stehen. Bis an den Plafond reichen die offenen Büchergestelle, von prachtvollen Einbänden, von Gold und Silber schimmernd; aber die Bücher sind tot; seit Max gestorben, hat sie keine Hand mehr aufgeschlagen.
Nebenan ist das Arbeitszimmer Maximilians. Es hat die Form der Kajüte, welche er auf der »Novarra«, jenem Schiff bewohnte, das ihn in seinen jungen Jahren in die verschiedenen Mittelmeerländer und später nach Mexiko geführt. Hier hat er jene anziehenden Bücher: »Aus meinem Leben« und »Aphorismen« geschrieben, die nach seinem Tod das teuerste Vermächtnis für seine Freunde waren. An den Wänden dieser Koje hangen zwei Bilder: »Die Ermordung Cäsars« und »Maria Antoinette im Gefängnis.« Ob der fürstliche Arbeiter sich's je geträumt, daß sie zu seinem eigenen Geschick beziehungsvoll würden?
So geht es fort durch eine weite Flucht von Gemächern. Da funkelt's von Gold- und Seidentapeten; da stehen kunstvoll geschnitzte Möbel, altertümliche Uhren und Schränke; da gleitet der Fuß auf Wunderwerken von eingelegten Parketts; da hangen von herrlichen Decken zierliche Lustres, Meisterwerke der Goldschmiedekunst. Alles erzählt von der üppigen Phantasie seines Schöpfers, der einen großen Teil der Pläne und Zeichnungen für den Bau mit eigener Hand entworfen hat.
Genug von dieser wundersamen Pracht. Viele stolze Schlösser und größere als Miramare habe ich in jüngern Wandertagen in Frankreich gesehen, aber keines, wo Natur und Kunst sich zu einem so wirkungsvollen Ganzen, zu so bestrickender Schönheit verschwistern wie in Miramare.
Treten wir hinaus auf eine der Balustraden. Noch ist's das Bild von Prosecco:
»Es singt und klingt das blaue Meer
So sagenreich, so wunderhehr.
Es rauscht der weiße Schaum der Welle
Melodisch an die Marmorschwelle
Und drücket auf des Schlosses Fuß
Den schauerkühlen Nymphenkuß,
Und als zurück die Wogen prallen,
Da zittert's wonnig durch die Hallen.«
Ich habe den schönen Versen, mit denen Max selber sein stolzes Haus gefeiert, nichts beizufügen. Und nun reißen wir uns los; denn freiwillig scheidet wohl keiner von dem »Wunder des Meers.« Drunten im Hafen an der Gartenterrasse wartet unser der Fährmann, der uns zurück nach Monfalcone führen soll.
Das Ruder plätschert in kristallner Flut; die Berge stehen im Abendglanz; alles ist Daseinswonne, Frieden und Licht, und von Miramare her streicht der Blütenduft über die See.
Bald ziehen Glockentöne übers Meer. »Ave Maria! Ave Maria!« Nah und fern fallen die rauhen, sonnverbrannten Fischer in ihren Segelbooten auf die Kniee und beten zur gnadenreichen Gottesmutter um glücklichen Fischfang, um ihren Schutz zur See, um gnädige Erhaltung von Weib und Kind.