Der Nationalstolz nennt Triest das »österreichische Hamburg«, eine Metapher, bei der man etwas Übertreibung mit in den Kauf nehmen muß. Triest ist kein Hamburg, aber immerhin das gewaltigste Handelsemporium an der Adria und, abgesehen von Fiume, das die Ungarn zur Blüte zu bringen suchen, der einzige große Hafen der habsburgischen Monarchie.
Der Zug fährt von Nabresina in drei Viertelstunden in die Stadt hinunter und legt auf dem Wege dahin dem Reisenden die ganze Pracht des Golfes von Triest, ein wundersam wonniges Bild, zu Füßen.
Aus der hohen Halle des schönen Bahnhofes tritt man auf den geräumigen Vorplatz, und vor dem eigentümlichen Reiz, der beim Anblick eines Seehafens das Herz der Landratte packt, muß in der ersten Stunde jedes andere Interesse dem am Hafenbilde weichen.
So ging's mir nicht nur das erste, so ging's mir auch die folgenden Male, als ich nach Triest kam. Ich wurde nicht müde, den Quai auf und ab zu wandeln, mich an den bunten Flaggen und Wimpeln, die lustig gegen den dunkelblauen Himmel emporflatterten, an dem Gewirre von Masten, an den riesenhaften Kauffahrteischiffen, an dem lebendigen Gewühl der Gaete, Mistici, Navicelli, Trabaccoli, Brazzere, Tartome, und wie immer noch das Gewimmel jener kleinern Boote, Schaluppen und Kähne, die zwischen den Riesenleibern der Ostindienfahrer durchschwärmen, sich nennen mag, zu ergötzen. Diese gebrechlichen Nußschalen, oft von bizarrer Form und buntem Anstrich, mit ihrem sonnengebräunten, malerisch verwilderten Matrosen- und Fischervolk, sind nicht weniger interessant als die Giganten des österreichischen Lloyd, als der »Polluce«, der »Helios«, die gewaltige »Pandora« oder die »Medusa«, in deren Tauwerk die braunen Jungen mit der Gelenkigkeit von Katzen auf- und niederklettern. Macht ein solcher Schiffspalast »klar«, so verfinstert eine Rauchpinie den Molo, bis der Koloß hinauswogt in den offenen Golf.
Man sagt, daß jährlich 1600 Dampfer und 7000 Schiffe langer Fahrt in den Hafen von Triest einlaufen und daß sie zusammen für über 400 Millionen Kronen Waren bringen. Kein Wunder, wenn hier alles Leben und Bewegung, Handel und Wandel ist!
Dennoch fühlt sich der Fremde vom Hafenbild Triests einigermaßen enttäuscht; denn die durch acht größere und viele kleinere Moli voneinander getrennten Bassins, die sich in der Länge einer halben Stunde eines ans andere reihen, sind gegen das Meer hin offen und widersprechen durchaus jenem typischen Hafenbilde von der dreiseitig sturmverschlossenen Bucht, wo die Schiffe ruhsam ankern können.
In der Tat war der Hafen von Triest früher wegen seiner vielen Schiffbrüche in Verruf, und die Stadt hätte nie der blühende Handelspunkt werden können, wenn sie sich nicht durch gewaltige Bauten jenen Schutz, den die Natur ihrer Rhede versagt, selber geschaffen hätte. Die neue Anlage hat dreißig Millionen Kronen gekostet. Ein dem Hafen vorgelagerter, sechszehn Meter vom Grund der See aufragender Damm, »der Wellenbrecher«, schützt ihn nun gegen den Wogendrang der hochgehenden Adria, so daß jetzt die ungünstigen natürlichen Verhältnisse desselben aufgehoben sind.
Auf der Spitze des südlichsten Molos steht der 33 Meter hohe Leuchtturm, welcher im Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Modell des berühmten Turmes auf der Eddystoneklippe in nach oben verjüngt zulaufender Form gebaut worden ist. Während des Tages schmücken die Flaggen der jeweilen ankommenden Schiffe seinen Signalmast; wenn die Nacht hereinbricht, spielen die Feuersignale seiner Laterne mit blitzartigen, durch Momente vollkommener Dunkelheit getrennten, bald hellern, bald schwächern Lichtern über die See, sodaß der Adriafahrer schon 30 Kilometer von Triest das helle Blinken gewahrt.
Wenn ich an den Leuchtturm von Triest denke, dann stehen zwei Bilder, die ich von der Höhe seiner Plattform genossen, vor meinem Blick: ein wundersamer, stiller Meeresabend, an dem die See regungslos und lächelnd, golden besonnt und unermessen vor mir lag. Das verworrene Geschrei der Lastträger, das Rasseln der Fuhrwerke und der schrille Laut der Dampfpfeife erreichten schon halb verhallt den schönen Standpunkt. Die lichtübergossene Uferlehne von Miramare im Norden, die schroffen istrianischen Küstenhänge im Süden und die Stadt mit ihren leuchtenden Häuserfronten zwischen ihnen fesselten das Auge gleichermaßen. Von Pirano her, der hellschimmernden Stadt auf dem westlichen Vorgebirge von Istrien, kam das winzige Lokalboot, während eine Flottille größerer Segler, die jedenfalls nur einen Levante abwarteten, um nach Venedig hinüberzufahren, unbeweglich vor der Bucht von Capo d'Istria stand. Andere stiegen am fernsten Horizont als schimmernde Punkte malerisch auf oder versanken; Scharen von Möven und andern Vögeln zogen über dem herrlichen Golfe ihre Kreise.