Etwas unendlich Weiches, Träumerisches, ein wundersamer Frieden, der erlösend in die Menschenbrust übergeht, lag da im Meerbilde von Triest.

Wie ganz anders habe ich die gleiche Landschaft das zweitemal gesehen! friedlos, von schmerzlicher Melancholie bewegt; das Land, sturmempört, vom Scirocco gepeitscht die See, ängstlich sich zum Hafen flüchtende Barken, bald hoch auf zerspritzenden Schäumen, bald tief in den Mulden der Wogen. In langgestreckten Zügen, wogend und ringend, hier zergehend, dort auferstehend, fluteten die Wellen, zerbarsten mit furchtbarem Prall an den Fundamenten des Turmes, daß es zitternd durch seinen Steinleib ging, und strömten brausend ins Meer zurück. Dazu rauschte und pfiff, sang und klang der Sturm.

Es ist auch herrlich und unaussprechlich schön, aber liebe- und erbarmungslos, das stürmende, hochgehende Meer!

Die nördlichen Hafenmauern sind durch Schienengeleise mit dem Warenbahnhofe verbunden, so daß die Eisenbahnfrachtwagen ihre Lasten bis dicht an die Flanken der Kauffahrteischiffe bringen können. Allein diese Verkehrserleichterung scheint dem lauten, beweglichen Leben auf dem Hafenquai, wo italienische und deutsche, slovenische und kroatische, morlakische und neugriechische Zunge vieltönig durcheinandergehen, keinen Eintrag zu tun. Der Lärm und die Zurufe von hundert emsigen Menschen, die sich um das Verladen der Schiffsfrachten auf die Fuhrwerke bemühen, das Rasseln der heransprengenden, das Geknarre der abfahrenden Lastwagen gestaltet das Ufer zu einem wunderbaren Tummelplatze der Arbeit.

Doch auch die Idylle ist nicht weit. Drunten liegen italienische Schiffer und feiern Hafenrast. Sie singen abgebrochene Strophen alter Seemannslieder. Es ist seltsam; auch die bedürfnislosen Söhne des sonnigen Südens legen wie die Fergen der Nordlandsbuchten etwas Tieftrauriges, das einem nicht so leicht wieder aus dem Gehöre kommt, in ihre meergebornen Lieder, in jene eintönigen, getragenen Melodien, deren Schlußakkorde gerade so lange gehalten werden, als der Atem der Sänger reicht.

So ist das triestinische Hafentreiben, hier ein dolce far niente, dort Arbeit, aber voll eigentümlichen Lebens überall. Am Uferrand der Quais liegen die mannigfaltigsten Frachtgüter aufgespeichert: Fässer mit dalmatinischen Weinen, Salztonnen von Pirano, Baumwollballen aus Ägypten, Kaffeesäcke von Java, Indigo von Senegal, Wallonen aus der Levante, Farbholz aus Brasilien und die schwarzen Diamanten aus England, kurz, Schätze von allen Enden der Welt.

Man beziffert den Wert der alljährlichen Einfuhr auf etwas mehr, denjenigen der Ausfuhr auf etwas weniger als 400 Millionen Kronen.

Die teuerste Fracht aber ist der Mensch, der Mensch, dem das weite Heimatland zu eng wird und der das Glück im märchenträumenden Morgenland oder im Sonnenbrand Afrikas oder im fernen aufblühenden Westen suchen geht. Ich kann nicht sagen, wie viel Auswanderer jährlich den Weg über Triest nehmen; ich weiß nur, daß die einen lächeln, die andern weinen, alle prächtige Luftschlösser bauen, wenn das Schiff aus dem Hafen rauscht; daß die einen reich, die andern arm werden; daß sie alle schließlich wieder ein Luftschloß bauen, aber ein enges, kleines, ein wundersam bescheidenes: Sechs Fuß Raum in der Heimaterde. Manchem wird's zu teil, und wem es nicht zu teil wird, den drückt der fremde Boden auch nicht schwer.

Wenden wir uns vom lauten Hafentreiben ab und der Stadt zu, die auf Strand und Hang so herrlich vor uns ausgebreitet liegt, so gelangen wir auf den mit dem Hafen in enger Beziehung stehenden Fischmarkt. Er ist in einem Gebäude der Salzquais untergebracht und bietet ein ins Italienische übersetztes Stück des berühmten Pariser Hallenlebens.

Die Menge der in den ersten Morgenstunden zum Verkaufe gebrachten Seefische, Krebstiere und Muscheln wird nur erklärlich durch die Aufnahmefähigkeit, welche das triestinische Volk diesen Meerprodukten entgegenbringt.